Typische Position des Kapellmeisters in der Oper des mittleren 19. Jahrhunderts: Er dirigiert das Bühnengeschehen, das Orchester befindet sich hinter seinem Rücken (L'Illustration, Vol. 1 Nr. 5, 1845)
Die Urfassung des «Fliegenden Holländers»
Historisch informierte Orchester- und Probenpraxis bei Richard Wagner
Ziel des Projektes ist es, Richard Wagners Musikdramen am Beispiel des „Fliegenden Holländers“ für die historisch informierte Interpretationspraxis zu erschliessen. Die Ausgangslage ist günstig, denn vor einiger Zeit wurden das Orchestermaterial der Dresdner Uraufführung von 1843 sowie Wagners eigene Metronomangaben auf einem Klavierauszug der Urfassung entdeckt – Dokumente, die noch nie musikpraktisch untersucht worden sind.
Die Art dieser Quellen eröffnet eine neuartige Perspektive aufführungspraktischer Forschung: Während bisher die historische Uraufführung im Zentrum der
Forschungsbemühungen stand, soll in diesem Projekt erstmals die Probenpraxis rekonstruiert werden, die einer (Ur-)Aufführung vorausging. Um die Auswirkung von Wagners überraschend schnellen Metronomangaben auf Artikulation, Phrasierung und Deklamation empirisch zu untersuchen, werden die in der Opernpraxis üblichen Klavierproben nachgestellt. Das historische Orchestermaterial wird in Form der sogenannten „Streichquartettproben“ untersucht – eine Erweiterung der Klavierproben um vier Streicher (in der damaligen Opernpraxis die Stimmführer des Orchesters). Eine Rekonstruktion dieser Proben ermöglicht es, die Bedeutung aufführungspraktischer Eintragungen in das originale Notenmaterial für die Orchester- und Dirigierpraxis zu verstehen. Unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Wagner im Dresdner Opernhaus – wie die meisten Kapellmeister bis Ende des 19. Jahrhunderts – mit dem Rücken zum Orchester an der Bühnenrampe sass, sollen konkrete Ergebnisse zur Uraufführungs-Interpretation des „Fliegenden Holländers“ unter Wagners Leitung gewonnen werden.
Die Aufführungsgeschichte, die den überraschenden Wandel der Interpretationsstile seit dem Tod Wagners sichtbar machen würde, kann in diesem Rahmen ebenso wenig berücksichtigt werden wie die textgebundene Bühnenpraxis, obwohl letztere ein wesentliches Merkmal des Wagnerschen Gesamtkunstwerks darstellt und in weiterführende Studien einbezogen werden soll.
Bild: Typische Position des Kapellmeisters in der Oper des mittleren 19. Jahrhunderts: Er dirigiert das Bühnengeschehen, das Orchester befindet sich hinter seinem Rücken (L'Illustration, Vol. 1 Nr. 5, 1845)
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ORGANISATION
Projektleitung:
Mitarbeit:
Tobias Pfleger
Finanzierung:
Berner Fachhochschule, BFH
Laufzeit:
2/2012–7/2013
