- Master Thesis
Echi di un Combattimento
Was geschieht, wenn Überzeugung zu Fanatismus wird? Und ist Versöhnung möglich, wenn der Schmerz so tief reicht? Ein Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart, Klang und Körper, Traum und Trauma.
Steckbrief
Jerusalem, Erster Kreuzzug. Der Kreuzritter Tancredi trifft vor den Toren der Stadt auf die muslimische Kriegerin Clorinda. Ohne zu wissen, wer sich hinter der Rüstung des anderen verbirgt, kämpfen sie bis zum Tod. Erst als Clorinda, im Sterben um die Taufe bittend, ihr Visier hebt, erkennt Tancredi entsetzt die Frau, die er liebte.
Claudio Monteverdis Madrigal Il combattimento di Tancredi e Clorinda (1624), inspiriert von Torquato Tassos Gerusalemme liberata, ist weit mehr als ein Werk des Barock. Es stellt Fragen, die bis heute brennen: Was geschieht, wenn Überzeugung zu Fanatismus wird? Und ist Versöhnung möglich, wenn der Schmerz so tief reicht? Was erzählt uns diese Erzählung heute, vierhundert Jahre nach ihrer Entstehung?
Diese tragische Geschichte erzählt von Liebe und Gewalt, Glauben und Identität, vom ewigen Konflikt zwischen dem Eigenen und dem Fremden. Sie wird von der Figur Testo («Text», Erzähler) begleitet – einer Stimme, die das Geschehen kommentiert und zugleich unsere eigene Zeit spiegelt.
Im Zentrum steht Jerusalem – Stadt der Sehnsucht, der Erinnerung und der Widersprüche. Ihre religiöse und symbolische Kraft berührt bis heute. Wer sie besucht, spürt ihre Schwere, ihre Geschichte, ihre unruhige Energie. Manche geraten in einen Zustand spiritueller Überwältigung, das sogenannte Jerusalem-Syndrom: ein Moment, in dem Vision und Wirklichkeit verschwimmen. Aus dieser Spannung entsteht das Projekt: eine Begegnung zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen Monteverdis Musik und zeitgenössischen Klängen. Alte und neue Ausdrucksformen verweben sich zu einer emotionalen Erzählung über Krieg und Gnade, Verlust und Erkenntnis. Ein Besucher Jerusalems, gefangen in einer Vision, erlebt den Kampf von Tancredi und Clorinda neu – als Spiegel einer Welt, die sich in denselben Konflikten verfängt: zwischen Kulturen, Überzeugungen, Identitäten.
So wird Monteverdis Combattimento zu einem eindringlichen Bühnenerlebnis: ein Dialog zwischen Geschichte und Gegenwart, Klang und Körper, Traum und Trauma. Es lädt dazu ein, die Grenzen des «Anderen» zu hinterfragen – und die menschliche Sehnsucht nach Frieden neu zu
hören.
Programm:
Claudio Monteverdi (1567 – 1643)
Il combattimento di Tancredi e Clorinda, SV 153 (1624)
Text: Torquato Tasso (1544 – 1595)
mit Werken von Lautaro Tesar (*1994), Matthias Arter (*1964), Barbara Strozzi (1619 – 1677), Francesco Cavalli (1602 – 1676) und Ana Sokolović (*1968).