HKB-Zeitung

Die HKB-Zeitung erscheint alle drei Monate. Im ersten Bund beleuchtet sie jeweils einen Themenschwerpunkt von innerhalb und ausserhalb der HKB, im zweiten Bund berichtet sie aus dem Leben der Hochschule der Künste Bern. Die HKB-Zeitung versteht sich als Kulturzeitschrift und ist redaktionell unabhängig geführt. Sie können sie gratis abonnieren.

2/2019 (Juni–August): Der Rausch in der Kunst

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Liebe Leser*innen

1919 wurde in den USA die Prohibition beschlossen. Als «noble experiment» hat man das Alkoholverbot auch bezeichnet – ein interessanter Begriff für den Auftakt der restriktiven Drogenpolitik des 20. Jahrhunderts. 100 Jahre später ist die Berauschung durch Substanzen immer noch eine der liebsten Betätigungen der Menschen. Der Rausch also ist ein Dauerbrenner, ebenso ist der Umgang mit dem Rausch eine Dauerherausforderung.

In dieser HKB-Zeitung fragen wir nach dem Rausch in der Kunstwelt, aus der Perspektive der «twenty-somethings». Wir lassen Studierende der HKB zu Wort und Bild kommen. Ein Künstler, der an der HKB studiert hat, diskutiert Rauscherfahrung mit einer Museumsdirektorin. Der Kurator einer Ausstellung über Ekstase erläutert den kunsthistorischen Kontext. Und schliesslich, unvermeidlich: Was ist nach dem Rausch? Der Kater, ein wenig erforschtes Wesen.

Hoffentlich haben Sie den einen oder anderen berauschenden Moment beim Lesen dieser Zeitung. Falls sich dabei auch ein Katermoment einstellt, vertrösten wir Sie auf die nächste HKB-Zeitung, die Ende August erscheint.

Beste Grüsse
Christian Pauli, Leiter Redaktion HKB-Zeitung

Wie hast du es mit dem Rausch? Nadine Wietlisbach, Direktorin des Fotomuseums Winterthur (*1982 in Wohlen), und Nino Baumgartner, HKB-Absolvent und Künstler in Bern (*1979 in Bern), über den Rausch in der Kunst und den Rausch der Digitalisierung.


Interview: Christian Pauli
Illustrationen: Celine Künzle

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Links: Nino Baumgartner (NB) | Rechts: Christian Pauli
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Nadine Wietlisbach (NW)

Nino, was fällt dir spontan zum Thema Rausch ein?

NB: Zerstreut und gleichzeitig fokussiert. Alkohol. Drogen. Marihuana. Sex. Dinge, die verboten sind. Sport. Flow-Modus.

Und dir, Nadine?

NW: Wenn es um Fotografie geht oder um Kunst: Da fallen mir Autorinnen und Autoren ein wie etwa Richard Billingham und Nan Goldin. Oder auch jüngere Künstler*innen, die rauschhaft arbeiten. Maya Rochat etwa. Für mich selber bedeutet Rausch, Dinge bis zum Exzess zu treiben, oder vielleicht sogar über den Punkt hinaus, an dem es noch gesund ist.

Rausch kann demnach gesund sein?

NW: Unbedingt. Rausch kann eine Perspektive eröffnen, die man unberauscht nicht finden kann.

Nino, verbindest du auch derart positive Metaphern mit Rausch?

NB: Der Rauschzustand ermöglicht einem, über sich hinaus zu wachsen. Ich kann in einen Rausch geraten, wenn ich auf einen Berg hinaufrenne, da habe ich nur noch das Ziel vor den Augen, bin sehr konzentriert. Wenn ich hinunterrenne, muss jeder Schritt passen: Das nennt man Situational Awareness und es ist ein rauschhafter Zustand, der sehr positiv ist, aber auch ein Risiko in sich birgt.

NW: Rausch hat viel mit Eskapismus zu tun. Sich verlieren. Über sich hinauswachsen. Den Ort des Alltags verlassen, die Umstände, die Realität liegen lassen. Dem positiven Nimbus des Rausches in der Kunst haftet allerdings viel Romantisierendes an. Gerade der Beruf der*s Künstler*in wird mit Rausch in Verbindung gebracht. Da spielt eine starke Mythologisierung.

Die Berauschung ist ein uraltes menschliches Bedürfnis und Herausforderung zugleich. Neuerdings scheint das Thema gerade wieder sehr en vogue zu sein. Wo kommt das her?

NW: Ich finde nicht, dass Rausch derzeit in der Kunst speziell ein Modethema ist. Es ist andauernd ein Thema. Das sieht man, wenn man an Kunsthochschulen arbeitet: Rausch wird von jungen Künstler*innen stets wieder von Neuem aufgegriffen. Das Ausbrechen, das Exzessive, das Radikale und das Ungewisse sind für künstlerische Arbeit und Projekte zentrale Momente. Kommt dazu, dass das Publikum die Resultate oder vermeintlichen Resultate des künstlerischen Rausches sehen will. In der Kunst ist das Interesse und die Lust auf den Rausch ein Evergreen, kein One Hit Wonder.

NB: Es geht hier auch um ein Künstlerbild, das befriedigt werden muss. Von einer*m Künstler*in wird ja geradezu erwartet, dass er oder sie sich Räusche zulegt. Das Publikum, die*der Käufer*in, die*der Zuhörer*in will teilhaben am künstlerischen Rausch. Diese Erwartungshaltung hatte ich einst selber übernommen: Auch ich dachte, ich muss eine Flasche Rotwein trinken oder kiffen, um Kunst zu machen. Am Tag darauf hat man einen Kater, nimmt das im Rausch geschaffene Kunstwerk in die Hand und denkt: Na ja. Und noch etwas später merkt man: Da war einfach nichts, keine Kunst im Rausch. Als Künstler*in sucht man nach einer Erweiterung der Wahrnehmung. Die Produktion im Rausch aber hat mich enttäuscht.

Wir reden also von einem Klischee des Künstlerbildes?

NW: Das Rauschhafte in der Kunst ist ein Bild, das sich auf der produzierenden wie vermittelnden Seite halten kann. Dieses Bild wird andauernd genährt. Dabei ist der Rausch ja nur ein Weg in der künstlerischen Praxis. Ja, es ist ein Klischee, das der Realität nicht immer entspricht. Ein*e Künstler*in mit einem gewissen Output oder einer sozial-gesellschaftlichen Verantwortung kann sich ja nicht dauernd abschiessen.

Nino, du arbeitest oft im Schnittfeld zwischen Natur, Landschaft und Kunst. Ich sage dem jetzt mal: Kunstintervention. Welche Rolle spielt der Rausch für dein künstlerisches Schaffen?

NB: In der letzten Zeit etwas weniger. Wenn ich alleine arbeite – etwa wenn ich in einem einsamen Tal während dreier Tage Kupferradierungen mache oder einen Hang hinunterrutsche und gleichzeitig zu zeichnen versuche – gibt es diesen Moment des Rausches, einen Rauschzustand, diese spezifische Konzentration und Hingabe. Wenn ich aber mit Leuten unterwegs bin – etwa auf meinen Shortcuts, dann bin auf die Menschen konzentriert: Das ist kein Rausch, sondern verlangt eine grosse Aufmerksamkeit auch anderen gegenüber. Es ist wie das Gegenteil von Rausch: Kontrolle. Überhaupt kann ich bestätigen, was Nadine gesagt hat. Zu Beginn meines Kunststudiums hätte ich nie gedacht, dass das Künstlerdasein zu 50% aus Büroarbeit und Organisieren besteht.

Wie sieht das bei dir aus, Nadine? Mehr Rausch oder mehr Kontrolle?

NW: In professioneller Hinsicht bin ich für ein ganzes Museum verantwortlich, das sind 50 Personen. Wir haben ein dichtes Ausstellungsprogramm und ein riesiges Vermittlungsangebot. In dieser Verantwortung haben rauschhafte Momente zwar durchaus Platz, aber doch eher in homöopathischen Mengen. Wenn man zum Beispiel mit einer*m Künstler*in arbeitet, kann man sich gerne verlieren. Abgesehen davon: Die wirklich rauschhaften Zustände sind ja nicht die, die man unbedingt mitteilen muss.

Das ist eine elegante Antwort. Ich verstehe. Dann wollen wir das persönliche Rauscherlebnis nicht noch weiter vertiefen und uns wieder der Kunst zuwenden. Was für eine Bedeutung hat der Rausch für deine kuratorische Arbeit?

NW: Konkret arbeite ich an zwei Ausstellungen. Bei der einen geht es um Materialität und Farben. Ich befasse mich mit Farborgien und visuell rauschhaften Erlebnissen. Die andere Ausstellung trägt den Titel Because the night: Da geht es um Klubkultur und das Nachtleben. In dieser Ausstellung ist Rausch ein grosses Thema, ein Motiv. Dazu wurde ja auch schon sehr viel geforscht und publiziert.

Hat sich die Rezeption von Rausch in den letzten zehn Jahren verändert?

NW: Ja, ich denke, wir sind mit einem Reality Check konfrontiert worden. Rausch beeinflusst und beeinträchtigt alle Sinne. Der Blick auf den Rausch ist komplex und auch komplexer geworden, denke ich. Wie kann Rausch überhaupt dargestellt werden?

NB: Substanziell haben sich die Drogen in den letzten zehn Jahren nicht gross verändert, auch nicht die Kunstproduktion an sich. Was sich geändert hat, sind die Medien, die Öffentlichkeit, die Selbstvermarktung. Heute berauscht man sich durch Clicks and Likes.

NW: Die Digitalisierung hat einen enormen Einfluss genommen, sowohl auf die Rezeption von Rausch wie auch auf die künstlerische Repräsentation von Rausch im Online-Kontext.

Was meinst du mit digitaler Rezeption von Rausch?

NW: Fast 90 Prozent aller 15-Jährigen in unseren Breitengraden besitzen ein Smartphone. Die Art, wie der Alltag dokumentiert wird und wie man das eigene Sein stets vergegenwärtig und veräussert, hat sich extrem verändert. Wir sind uns gar nicht bewusst, was die permanente Präsentation von sich selber in einer weiteren Öffentlichkeit in uns bewirkt. Wir fotografieren uns unentwegt. Wir sind uns bewusst, wo wir sind, mit wem wir dort sind, was wir konsumieren, was wir anhaben. Aber im Moment, in dem wir das Bild auf eine soziale Plattform stellen, geben wir es aus der Hand.

Eine Beobachtung: So früh wie bei Jugendlichen die Selbstpräsentation via Smartphone zum Thema wird, so früh wächst auch das Bedürfnis nach Berauschung; zumindest kommt dieser Wunsch immer früher?

NW: Ich kann die Versuche und Wünsche von Jugendlichen, aus Strukturen auszubrechen, die immer stärker und umfassender definiert werden, gut verstehen. Rauschmittel erlauben den Ausbruch, eröffnen einen Freiraum – wenn auch meist nur für einen Moment. Gleichzeitig beobachte ich bei Jugendlichen aber auch eine extreme Vernunft. Vegane Ernährung. Die ganze Zeit Sport. Kein Alkohol, kurzum eine regelrechte Verzichtsplanung. Meine Meinung: Ausschweifungen gehören zum Leben, sie ermöglichen starke Erfahrungen.

NB: Ob wir hier nicht auch eine Art Gegenbewegung beobachten können? In meiner Jugend war es klar: Von Donnerstag bis Samstag ist Ausgang, und da schiesst man sich ab.

War das gerade ein Plädoyer für Berauschung und Drogenkonsum?

NW: Es geht nicht um ein Ja zu Drogen. Mein Plädoyer geht eher Richtung Genuss, das Loslassen, den Freiraum. Und ich sage das etwa auch nicht, weil ich mir jegliche Form von Eskapismus leisten könnte – im Gegenteil. Berauschung betrachte ich aber als positive Option im Leben.

NB: Es ist sehr wichtig, dass man auch mal eine Schlaufe einbaut und nicht nur geradeaus geht. Erst dann sieht man auf einmal wieder, was wichtig ist. Rausch kann eine solche Schlaufe sein.

Zurück zur Kunst: Gäbe es dies ohne Rausch überhaupt?

NW: Die Kultur- und Kunstgeschichte wäre ohne die Berauschung auf jeden Fall eine andere, eine ärmere. Ich möchte die Geschichte nicht mit jenen Löchern erleben müssen, die unweigerlich entstünden, würde man den Rausch der Kunst entziehen.

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Laurence Rast | Bachelor Visuelle Kommunikation | Pour vivre heureux, vivons cachés? | Illustration
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Zeno Germinale | Bachelor Fine Arts | Alles Attrappe | iPhone-Zeichnung
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Nina Caviezel | Bachelor Visuelle Kommunikation | TBD | Fotografie
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Bettina Scheiflinger | Bachelor Literarisches Schreiben | Warten auf Etwas | Text
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Was ist eigentlich der Kater nach dem Rausch? Und warum ist dieses sattsam bekannte Phänomen so wenig erforscht? Ein kurzer Rundgang durch die Etymologie, die Medizin und die Moral.


Kater, früher auch Katzenjammer genannt. Hat mit flauschigen Tieren erfahrungsgemäss wenig gemein – also ein wenig Wortgeschichte. Zunächst: Kater kommt von Katarrh, also einer böseren Erkältung. Aha. Der Katzenjammer hingegen sei eine abgemilderte Form des sprechenden Kotzen-Jammers, meint die Etymologie. Nun ja. Das Wörterbuch der Brüder Grimm übrigens will nichts wissen vom Kotzen, aber eine entscheidende Differenzierung wird schon da gemacht: «Man unterscheidet nun auch schon physischen und moralischen Katzenjammer, bittre Reue dem Katzenjammer ähnlich.» Als Kronzeugen für den Kater ohne Alkohol-Gift bringen die Grimms Ludwig Börne, den Begründer des deutschen Feuilletons: «Im September 1819, an einem trüben deutschen Bundestage, erwachte ich zu Frankfurt a. M. mit dem Katzenjammer. Ich hatte mich mit guten Kameraden in schlechter Hoffnung berauscht, hatte zu viel getrunken von der verdammt geschwefelten Freiheit und musste das alles wieder von mir geben.»

Man wusste also schon da: Der Kater ist kein blosses physiologisches Phänomen. Die Moral ist auch immer noch mit von der Partie, das schlechte Gewissen, die Reue nach dem Exzess. Das Zuviel steckt ebenso in unseren Köpfen wie in der Blutbahn. Für den englischen Erfolgsautoren und philosophierenden Müssiggänger Tom Hodgkinson kommt das Problem mit dem Kater überhaupt daher, dass wir üblicherweise so zu tun versuchen, als hätten wir gar keinen: «We are working in the office, we are in meetings, we are doing things and we are doing them alone. Avoid any useful activity, then. Embrace the useless.» (1)

Eine willkommene Übung im Nichtstun also, in der Demut des Nichtproduktivseins – des Nichtkönnens und Nichtmüssens. Lerne man ihn so zu nehmen, dann sei der Kater gar nicht mehr so arg, auch wenn die Kopfschmerzen, das Elendsein natürlich bleiben: «Crazy as it sounds, with a little mental ingenuity and a modicum of planning, a hangover can actually be enjoyed. It can be a creative force, offering its sufferer an unfamiliar and even pleasurable outlook on the world; if, that is, we allow it to do so.»

Kater, wenn Gift wieder weg

Man könnte auch sagen: Man muss mit dem, nicht gegen den Kater gehen. Der Hauptfehler aller Katerkuren bestünde insofern schon im Wort «Kur», meint Hodgkinson: «The hang-over cannot be cured; it can only be lived with in different ways.» Einspruch! Wie, der Kater kann nicht kuriert werden? Wir leben doch in Zeiten medizinischer Allmacht? Die moderne Wissenschaft wird zu diesem uralten Leiden doch etwas beizutragen haben – also nachgeschlagen in der Fachliteratur; was ist das überhaupt, ein Kater? The Pathology of Alcohol Hangover, Renske Penning et al., Current Drug Abuse Reviews, 2010: «Alcohol hangover is the unpleasant next-day effect of an evening of excessive alcohol consumption. It is a puzzling phenomenon, since alcohol hangovers are most severe when alcohol has disappeared from the body or blood alcohol concentration (BAC) approaches zero.»

Allerdings, das ist seltsam. Der Kater haut dann rein, wenn das Gift schon wieder weg ist. Das hat er mit dem Down nach dem Konsum härterer Drogen gemein. So viel indessen weiss die Wissenschaft: Dieses Tief ist nicht zu verwechseln mit eigentlichen Entzugserscheinungen, die zumeist eine ganz andere Symptomatik aufweisen. Es ist schon eher das psychologische Pendant zum sehr physikalischen «What goes up must come down».

Ansonsten aber weiss die Fachliteratur nach wie vor erstaunlich wenig über den Kater als körperliches Phänomen, entsprechende Studien und biochemische Analysen sind rar. Handelt es sich um eine verzögerte Vergiftungserscheinung, büssen wir also direkt für ein Zuviel an Ethanol? Oder äussert sich die Giftwirkung des Alkohols spezifischer in einer Art Entzündungsreaktion, die zu einer Erhöhung verschiedener Immunfaktoren (Interferon und Cytokine) führt? Erst diese wären dann verantwortlich für die Kater-Symptome wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit, meinen manche Experten. Oder ist der Kater eine Immun-Überreaktion, die aus dem Ruder läuft, sobald der Alkohol in Substanzen abgebaut wird, die den Körper hoffnungslos überfordern? Theorien gibt es viele, belastbare medizinische Fakten nur sehr wenige. Hartnäckig hält sich auch die Ansicht, dass gar nicht der Alkohol das eigentliche Übel darstellt, sondern Beistoffe, die sogenannten Congener. So kamen verschiedene Studien zum Schluss, dass (dunkler) Whisky zu böseren Katern führt als (klarer) Vodka.

Hangover ist nicht karrierefördernd

Immerhin, die paar wenigen Forscher*innen, die sich auf der Welt als Kater-Expert*innen bezeichnen, betreiben seit einigen Jahren aktives Lobbying für den Kater als Untersuchungsgegenstand. Alljährlich trifft sich zum Beispiel die in Holland und England verwurzelte Alcohol Hangover Research Group und diskutiert neue Ergebnisse. Aber nach wie vor gilt, dass «hangover research» nicht unbedingt ein karriereförderndes Themenfeld ist, dass es die Resultate eher in Gratiszeitungen als in renommierte Journals schaffen. Richard Stephens, Psychologieprofesser und Teil der Forschungsgruppe, argwöhnte in einem Interview auch schon, dass die intensive Auseinandersetzung mit einem Laster nicht unbedingt gern gesehen ist in der aufgeklärten Welt der Wissenschaft.

Schon erstaunlicher ist, dass die Pharmafirmen das potenzielle Milliardengeschäft einer funktionierenden Katerkur noch nicht gerochen haben. Könnte auch hier wieder die Moral der Geschichte hineinspielen? Wer (übermässig) trinkt soll leiden, und Abhilfe zu schaffen wäre insofern genauso verwerflich wie das über-die-Schnur-Hauen. Das meint auch der kanadische Journalist Shaughnessy Bishop-Stall, der dem Hangover unlängst ein kleines feines Buch gewidmet hat (2): «Maybe it just points to some human need to not cure this thing, so that we don’t all get stupid drunk all the time.» Aber ebenso entscheidend ist wohl der Forschungsrückstand auf dem Gebiet. Man weiss schlicht noch zu wenig über die genauen Mechanismen, die zu den körperlichen und mentalen Symptomen führen, um einen Wirkstoff zu finden, der den Kater effektiv kontert.

Also dominieren unterdessen Quacksalber*innen das Feld – denn an vollmundigen Katerkuren mangelt es nicht, man überzeuge sich selbst im Internet. Vitamine, Antioxidanzien, Immunbooster, vieles wird angepriesen. Aber allzu wissenschaftlich ist das alles nicht, auch wenn es sich gern so gibt und in schön designten Pillenpäckchen daherkommt. Am besten kommen immer noch die alten Hausmittelchen weg wie viel trinken, auch ein zünftiges Frühstück soll helfen. Und gegen einzelne Symptome wie den Kopfschmerz kann man natürlich auch etwas tun. Insgesamt sieht es aber so aus, als wären wir noch nicht wirklich einen Schritt weiter als Jack Nicholson in der legendären Shining-Barszene, als ihn Lloyd am nächsten Tag distinguiert fragt: «What will you be drinking, Sir?» Und Jack mit schiefem Grinsen ein «Hair of the dog that bit me» ordert. Es ist das englisch-vertrackte Pendant zum teutonischen Konterbier. Geht auf den Glauben zurück, dass man eine drohende Tollwut am besten kuriert, indem man das kranke Tier schnappt und sein Fell in die Wunde reibt. Hat damals wohl ähnlich gut funktioniert wie heute der Whisky am nächsten Morgen.

(1) Tom Hodgkinson. How to be idle. Hamish Hamilton 2004 (deutsch: Anleitung zum Müßiggang. Heyne 2007)
(2) Shaughnessy Bishop-Stall. Hungover: The Morning After and One Man's Quest for the Cure. Penguin Books 2018

*Roland Fischer ist Wissenschaftsjournalist und wünschte sich mitunter auch raschere Fortschritte der angewandten Katerforschung.

Rauschzustände und Ekstasen gehören nicht zu den Dingen, die man von einem Museumsbesuch erwartet. Stille Emotionen, sinnliche Erlebnisse ja – aber orgastische Höhepunkte, euphorische Verzückung, himmelschreiender Jubel, taumelnde Trancen, der Fall ins Bodenlose? Der Rausch nimmt in der Kunst indes so eine wichtige Rolle ein, dass ihm das Zentrum Paul Klee eine Ausstellung widmet.


Das Phänomen der Ekstase ist uralt und aktuell zugleich. Bereits seit der Antike ist es als religiöses Phänomen bekannt und Gegenstand künstlerischer Darstellungen – so zum Beispiel in Gestalt des Dionysos und seiner Verehrerinnen, der Bacchantinnen, die der Überlieferung zufolge tanzend, jubelnd und trinkend durch die Nacht gezogen sind. Doch besonders seit dem späten 19. Jahrhundert, also einer Zeit der dramatischen gesellschaftlichen Veränderung und Modernisierung, wird die künstlerische Beschäftigung mit Rausch und Ekstase zum regelrechten Phänomen.

Sich der Kontrolle der Vernunft entziehen

Die moderne Lebenswelt ist von der Vernunft geprägt – vom wissenschaftlichen Fortschritt, von Industrialisierung und Marktwirtschaft, protestantischem Arbeitsethos, der fortschreitenden Normierung und Regelung aller möglichen Lebensbereiche und einer tiefgehenden Kontrolle körperlicher Triebe und Affekte. Die Bedeutung des Religiösen und Übernatürlichen schwindet stetig. Der bekannte deutsche Soziologe Max Weber sprach in diesem Zusammenhang auch von einer fortschreitenden «Entzauberung» der Welt. Die Kunst des 19. Jahrhunderts reagierte auf diese Entwicklung mit der Betonung des Sinnlichen, des Erhabenen, des Unbegreiflichen und Ewigen. Literat*innen wie Novalis und E.T.A. Hoffmann in Deutschland oder die Lyriker*innen der Pariser Bohème wie Baudelaire oder Rimbaud entdeckten Opium, Haschisch und Absinth als Mittel zur künstlerischen Erprobung unbekannter Erfahrungs- und Bewusstseinshorizonte. Sie entdeckten im Zustand des Ausser-sich-Seins – wie sich der Begriff der Ekstase (von altgriechisch ekstasis) auch wörtlich übersetzen lässt – das Versprechen einer verborgenen Wahrheit über das innerste Wesen von Mensch und Welt.

Auf der Suche nach Auswegen entstand zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Hochblüte moderner Ausdrucksformen, die der Begegnung mit dem «Anderen» verschrieben waren – dem Unfassbaren und Unbeschreiblichen, dem Übernatürlichen und Jenseitigen, dem Triebhaften und Unbewussten, dem Leben in der Schwebe. Vertreter*innen der Literatur, der Bildenden Kunst, der Musik und nicht zuletzt auch des Tanzes begaben sich auf die revolutionäre Suche nach dem Schlüssel zum verlorenen Ganzen der menschlichen Existenz; nach einer Kunst, die tiefste Gefühle wecken und den Menschen vom Korsett der «zivilisierten» Unterdrückung urmenschlichster Triebe befreien könne. Dem Franzosen André Breton, Verfasser des ersten surrealistischen Manifestes, schwebte zum Beispiel eine Kunst vor, die – einer Droge ähnlich – «wie ein Rauschmittel auf das Bewusstsein einwirkt», innere Bilder vermittelt und den Betrachter «spontan und unerbittlich» im Innersten trifft.

Rausch als Quelle der künstlerischen Inspiration

Nicht wenige Künstler*innen experimentierten mit Rauschmitteln als Quellen der Inspiration. So bot beispielsweise der polnische Künstler und Dichter Stanisław Ignacy Witkiewicz – besser bekannt unter dem Rufnamen Witkacy – Personen aus seinem Freundeskreis Porträts an, die er unter Drogeneinfluss hergestellt hatte. Der besonders ausdrucksstarke Effekt seiner Zeichnungen beruht darauf, dass im Entstehungsprozess Drogen wie Kokain, Alkohol, Opium, Morphium, Haschisch oder auch diverse Psychedelika zur Anwendung kamen, wobei er die jeweilige Kombination stets auf dem Werk mit Kürzeln vermerkte. Auch Paul Klee setzte sich mit Rauschzuständen auseinander – so 1919 in einer Serie von Illustrationen zum Buch Potsdamer Platz des Dichters Curt Corrinth, der sich ein utopisches Berlin vorstellt, dessen Bewohner zügellose Orgien feiern und dabei die Erlösung allen Leidens finden.

Auch der französische Dichter und Künstler Henri Michaux war von der bewusstseinsverändernden Wirkung psychotroper Substanzen fasziniert: Michaux – der, ganz im Unterschied zu so manchen Künstlerkolleg*innen, selbst nie der Sucht oder der romantischen Verklärung des Drogenkonsums verfiel – war davon überzeugt, dass der Rausch wie eine Sprache erlernt und gemeistert werden könne und zugleich einen unerhörten künstlerischen und metaphysischen Erkenntnisgewinn versprach. Gerade das Ausserordentliche und das Flüchtige des Rauschzustandes würden es dem oder der Künstler*in erlauben, die Mechanismen der Wahrnehmung und der Erkenntnis zu erkunden. Seine abstrakten Meskalinzeichnungen mit ihren einzigartigen Bewegungsmustern zeugen von dieser Suche.

Die vielfältigen Wege ins Paradies

Historiker*innen und Anthropolog*innen sind sich heute einig, dass es sich bei der Lust auf Ekstase, Rausch und Hochgefühl keineswegs um ein modernes Phänomen, sondern vielmehr um eine universelle menschliche Konstante handelt. «Modern» ist daran der Versuch, Rauschzustände zu kontrollieren und die Gesellschaft vor den Folgen zu schützen. Im Kontext der Moderne wird der Rausch politisch. Wie sehr soll es dem Menschen erlaubt sein, sich der Ekstase hinzugeben? Wo liegen die Grenzen? Die immer noch aktuelle Debatte zwischen Kriminalisierung und Liberalisierung von Rauschmitteln zeigt, wie tief die Versuchung verwurzelt ist. Versuche, den Alkohol- und Drogenkonsum gänzlich zu unterbinden – wie beispielsweise im calvinistischen Genf der Reformationszeit oder in den USA während der Prohibition –, scheiterten immer wieder kläglich oder führten gar zur gegenteiligen Wirkung. Martin Luther musste schon im 16. Jahrhundert mit Ernüchterung feststellen, dass «ganz Deutschland mit Saufen geplagt» sei und jede Predigt wohl nichts dagegen bewirken könne, und daran hat sich auch heute nur wenig geändert.

Aber selbstverständlich ist der Konsum von Rauschmitteln nicht der einzige Weg zur Ekstase. Wege dorthin gibt es viele – von der stillen Meditation über den rituellen Tanz bis hin zur völligen Verausgabung im Sport oder der Verschmelzung der Körper beim Liebesakt. Tatsächlich ist die menschliche Sexualität womöglich das ultimative legale Rauschmittel schlechthin: Die im Liebesrausch ausgeschütteten Hormone wie Oxytocin, Dopamin, Prolaktin oder Adrenalin bieten dem Körper ein wahres Feuerwerk des Wohlbefindens, das in seiner Wirkmächtigkeit sehr wohl mit dem «künstlichen Paradies» des Drogenrausches vergleichbar ist oder dieses sogar noch überflügelt. Wie wirkmächtig Liebesekstasen sind, zeigte sich in der Kunstgeschichte schon zu Zeiten, als sexuelle Darstellungen als Motive undenkbar waren.

So gibt es bereits im Barock Darstellungen religiöser Ekstasen, die – zumindest aus heutigem Blickwinkel – sexuellen Höhepunkten verblüffend ähnlich sind. So zum Beispiel in Gian Lorenzo Berninis bekannter Skulptur der Verzückung der Heiligen Teresa in Rom. Bernini zeigt uns die Heilige mit zurückgeworfenem Haupt, die Augen halb geschlossen und nach oben gerichtet, mit offenem Mund und wallendem Kleid, das heftigste, bebende Bewegungen des Körpers suggeriert. Damit begründet sich ein Bildmotiv, das sich bis in die zeitgenössische Kunst weiterverfolgen lässt – wie beispielsweise in Werken von Andy Warhol oder Aura Rosenberg. Abseits der Sexualität steckt der menschliche Körper aber auch sonst voller Potentiale – Pionierinnen des modernen Ausdruckstanzes wie Mary Wigman, Gret Palucca, Isadora Duncan oder Anita Berber befassten sich mit dem Potential der Selbsterfahrung in der körperlichen Grenzüberschreitung – und revolutionierten den Tanz, indem sie Körper und Geist tänzerisch sprechen liessen.

Ekstase als Grenzgang

Ein halbes Jahrhundert nach den weitreichenden kulturellen und sozialen Veränderungen von 1968 hat das radikale Befreiungsversprechen jener Zeit scheinbar an kultureller Strahlkraft eingebüsst hat. Gesellschaftliche Ausstiegsfantasien und damit verbundene Subkulturen haben an Attraktivität eingebüsst. Unsere heutige Gesellschaft ist stärker als je zuvor von Zwängen der Selbstoptimierung geprägt, von Effizienzdenken und kontrolliertem Risiko. Dies hat den Raum für Experimente mit «anderen» Gemüts-, Wahrnehmungs- und Geisteszuständen deutlich geschmälert. Während der Konsum von leistungssteigernden Drogen und schmerzstillenden Opiaten boomt, etablieren sich heute neue Formen des «kontrollierten Kontrollverlusts» als Konsumprodukt – von Abenteuerreisen über die technologisch vermittelte sexuelle Ekstase bis hin zum professionell organisierten Extremsport.

Ein Schlüsselmotiv der Ausstellung im Zentrum Paul Klee ist die Ambivalenz ekstatischer Erlebnisse und Phänomene sein. Im Rausch liegen Höhenflug und Fall, Hochgefühl und Schmerz, Schaffensdrang und Wahn, spirituelle Grenzüberschreitung und körperliche Selbstzerstörung, Befreiung und Abhängigkeit, Leben und Tod immer wieder verstörend nahe beieinander. Nichts bringt diese Ambivalenz besser zum Ausdruck als die französische Metapher des «La Petite Mort» – ein Ausdruck, der den Orgasmus bezeichnet und die höchste Lust zugleich mit dem Tod verbindet. Die Ekstase-Ausstellung wagt den Versuch, diese Pole zusammenzubringen – und dabei in einen Bereich des menschlichen Erlebens vorzustossen, der gerade wegen seiner Unfassbarkeit die Fantasie stets neu beflügelt.

*Martin Waldmeier ist der Kurator der Ausstellung Ekstase im Zentrum Paul Klee. Die Ausstellung ist eine Kooperation von Kunstmuseum Stuttgart und Zentrum Paul Klee und dauert noch bis am 4. August 2019. Dieser Artikel erschien zuerst in Kunsteinsicht, dem Magazin von Kunstmuseum Bern und Zentrum Paul Klee.

Sie kotzte ins Feld. Ich wollte ihr irgendetwas zurufen, brachte aber nichts raus. Stattdessen griff ich aus Versehen mit der Hand ins Feuer. Wir waren zu zweit mitten in einer Dienstagnacht auf einer Waldlichtung und wir hatten je eine unbestimmte Menge MDMA geschluckt, die Kristalle in Zigarettenpapier verpackt und mit Wasser runtergespült, Wasser, von dem wir zu wenig dabeihatten. Vielleicht nahmen wir etwas zu viel von den Kristallen, keine Ahnung, aber sie schmiss trotzdem nochmals nach. Sie schaute mich an, mit weit aufgerissenen Augen, ihr Gesicht und ihre Haare beleuchtet von den Flammen und weil sie meine Jacke trug, bildete ich mir ein, dass sie ich sei und war entsprechend verwirrt. Und ständig hatte ich kinematografische Assoziationen: Ein Stück Holz wurde zur Fernbedienung, um das Feuer zu bedienen, die Schnitte zwischen den einzelnen Aufnahmen waren unsauber, manchmal stockte das Bild. Einzelne Gegenstände funktionierten als eine Art MacGuffin, sie führten mich durch den Trip und verliehen ihm ein Narrativ.

MDMA ist eine Kino-Droge. Wenn man drauf ist, ist man komplett im Film. Das liegt vielleicht daran, dass sich die Welt in diesem spezifischen High auf den aktuellen Schauplatz komprimiert, auf den Raum, in welchem man sich befindet, und auch temporal: auf den unmittelbaren Moment. Alles was darüber hinausgeht, existiert nicht. Der Trip setzt sich zusammen aus einer sehr überschaubaren Anzahl Schauplätzen, ein paar Requisiten, einem klassischen Spannungsbogen und drei Akten: Zuerst kurz Set, Setting und Dosis überprüfen und festlegen, dann die Steigerung hin zum Höhepunkt des Highs und zum Schluss das Down mit mehr oder weniger psychotischer Qualität. Wenn man irgendwo pfuscht, wird’s ein Scheiss-Theaterstück, ein schlechter Film oder der dritte Akt einfach viel zu lang.

Als es dämmerte, verliessen sie und ich die Lichtung mit dem Fahrrad. Wir waren bereits am Runterkommen, aber immer noch mit tellergrossen Pupillen und bleichen Gesichtern. Mitten im Feld kam uns ein Bauer entgegen, ich wurde nervös und sie auch, sie stürzte vom Fahrrad. Der Bauer schaute uns besorgt an. Wir fuhren hektisch davon. Der nächste Tag war sonnig und wir spazierten wieder durch den Wald. Der Weg war übersät mit Löchern, die mich alle paar Meter in die Dunkelheit runterrissen. Dann war da wieder nur der sonnige Waldweg. Schmetterlinge und Blumen, bis wieder eines dieser Löcher kam. Nach einer Stunde war ich komplett erschöpft und mein linkes Auge funktionierte nicht mehr. Alles flimmerte. Ich legte mich hin und schlief sehr lange.

Ich kam zehn Tage nicht wirklich runter. In dieser Zeit versuchte ich den Trip zu entwirren, indem ich schrieb, auseinanderschnitt und neu zusammensetzte. Ich sortierte meine Bücher nach einem zweiachsigen System, stapelte sie so, dass sich vertikal eine Ordnung ergab und gleichzeitig horizontal zwischen den verschiedenen Stapeln. Ich ordnete meine Welt neu, mein Denken organisierte sich durch Vernetzungen unter den Oberflächen, die sich von meinem Gehirn durch meinen ganzen Körper erstreckten und weiter aus mir selbst hinaus in die Denkapparate längst Verstorbener. Ich hatte Zugriff auf sie alle: Boroughs, Warburg, Deleuze, Nietzsche. Gleichzeitig hatte ich mehrtägige Blackouts und nach zehn Tagen erreichte ich den Höhepunkt in Form kompletter Dissoziation. Ich betrachtete meine Hände, ohne dass ich sie hätte einer Identität zuordnen können. Ich löste mich innerhalb weniger Minuten vollständig auf, bis ich mich im Körper einer anderen Person und an einem anderen Ort manifestiert wiederfand. Dann war es unvermittelt vorbei. Ich hatte mich wieder zusammengesetzt, und zwar genau dort, wo ich sein sollte: in meinem Körper, in meinem Bett.

Ein paar Wochen später kaufte ich mir Sartres «Nausea». Darin gibt es eine Szene, wie der Protagonist seine Hände betrachtet und diese keiner Identität zuordnen kann. Und alles um ihn herum nur verzerrtes Rauschen, unvereinbar mit der eigenen Existenz. Also sticht er sich ein Messer in die Hand rein und ist erleichtert, sein eigenes Blut aus diesem seltsamen Körper heraustreten zu sehen. Ich las das Buch nicht zu Ende, es ist eine einzige Psychose. Und Sartre: Damals halt auch nur aus Versehen auf Meskalin hängen geblieben.

*Jessica Jurassica ist Cloud-Literatin, Künstlerin und Kunstfigur. Die 26-Jährige schreibt als freie Autorin und Kolumnistin über Sex, Drogen und Kultur. Sie ist Mitgründerin des KSB-Kulturmagazins.

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Illustration: Celine Künzle
Teaser Diplomsommer

Bern, Biel und Langenthal | 31. Mai bis 25. September


Ein langer Sommer steht bevor. Wenn an der HKB die Studierenden ihre Abschluss- und Diplomarbeiten präsentieren, spannt sich ein grosser künstlerischer Bogen auf. Das Programm erstreckt sich nicht nur auf die drei Städte Bern, Biel und Langenthal, sondern über vier Monate und vor allem auch auf alle künstlerischen Disziplinen.

Als da wären: Contemporary Art, Design, Écriture littéraire, Fine Arts, Jazz, Klassische Musik, Konservierung-Restaurierung, Kunstvermittlung, Musique et mouvement, Opéra, Theater, Théâtre musical & Composition sowie Sound Arts. Sie haben den Überblick verloren? Auf hkb.bfh.ch/ diplomsommer finden Sie das ganze Programm.

Schauen Sie etwa rein, wenn der Studiengang Musik und Bewegung vom 14. bis 22. Juni im Volkshaus und in der Burg Biel ein Sommerfestival veranstaltet. Wenn, ebenfalls in Biel, am 20. Juni die Studierenden aus ihren Texten lesen und die jungen Künstler*innen von Contemporary Arts Practice das Kunsthaus Pasquart bespielen. Und wenn zwei Tage später die drei Solist*innen zum Konzert im Kongresshaus laden. Der Fachbereich Gestaltung und Kunst ruft zum grossen Finale an der Fellerstrasse in Bern-Bethlehem, der Studiengang Fine Arts ins Kunsthaus Langenthal.

Wenn Sie schon immer wissen wollten, was in der Kunst alles drin ist. Wenn es Sie wundernimmt, wie das Ganze aus junger und neuer Perspektive ausschaut. Dann sind Sie im Diplomsommer 2019 der HKB genau richtig!

Porträt Elisa Shua Dusapin Bild vergrössern
Photo : Romain Guélat

En 2014, tu as fini tes études à l’Institut littéraire suisse. Près de cinq ans plus tard, vois-tu clairement ce qui a compté pour toi dans cette formation ?

Fondamentalement, l’Institut a joué un rôle d’accélérateur. Mes études m’ont permis d’apprendre à travailler de façon autonome. Sans ces trois années au contact d’autres personnes qui écrivent aussi, j’aurais mis plus de temps à me lancer dans l’écriture d’un roman. Je ne l’aurais peut-être jamais fait. J’avais – et j’ai encore – peu confiance en moi. Aujourd’hui, la question de la légitimité d’écrire me pèse moins, en partie grâce à la réputation de l’Institut, qui ne cesse de grandir. Mais la peur de ne pas réussir à transmettre ce que je voudrais exprimer dans un texte, dans un projet artistique, cette peur, elle demeure. Tant mieux, je crois.

Tu as pour l’heure opéré un choix radical : faire de tes activités artistiques ton unique « métier ». Comment cela s’est-il passé ?

En réalité, cette situation découle moins d’un choix que d’un concours de circonstances. Dès la fin de mes études, on m’a commandé des textes pour la scène qui m’ont lancée dans le milieu professionnel. Je travaillais aussi comme comédienne dans la compagnie de Maya Bösch. En parallèle, j’ai commencé un master à l’UNIL. Je n’aurais pas fait ce choix aujourd’hui, à 26 ans. Mais j’en avais 20, l’idée d’un autre diplôme me rassurait. Dès la parution de mon premier roman en août 2016, tout s’est accéléré: tournée de promotion, traductions, bourses, résidences d’écriture, à tel point que je n’avais plus l’impression de maîtriser le cours des choses. J’étais abasourdie par la réception du livre, dépassée par la médiatisation soudaine… Une résidence de six mois à New York m’a permis de reprendre mon souffle et de terminer mon deuxième roman. Ensuite, j’avais l’intention de prendre un peu de temps pour réfléchir à ce que j’avais envie de faire, mais la parution de Les Billes du Pachinko m’a entraînée dans un nouveau cycle de promotion et de rencontres, jusqu’à ce que je réalise qu’effectivement, depuis trois ans, je vivais de l’écriture, et qu’avec une meilleure gestion de mes ressources et de mon temps, j’allais pouvoir me débrouiller pour quelques années. Je m’en sors entre droits d’auteurs, conférences et commandes – la plus récente étant un scénario pour un long-métrage de fiction … Ce n’est pas toujours évident, il n’y a aucune sécurité et je dois jongler entre ce que j’accepte pour des raisons financières et ma disponibilité pour mes projets personnels. Tout peut changer d’un instant à l’autre. Cette instabilité est aussi un moteur.

Pour Les Billes du Pachinko (Zoé 2018), tu as reçu l’un des Prix suisses de littérature. Parmi les nombreux prix venus couronner ta jeune carrière, celui-ci a-t-il une couleur particulière compte tenu de ton identité métissée ?

Un jury qui débat dans quatre langues, c’est une idée de la Suisse que j’aime. En France, où je me rends souvent pour des rencontres littéraires, on me présente toujours comme une écrivaine française et cela me heurte. Bien qu’originaire de France, j’ai un passeport suisse, j’ai grandi à Porrentruy entre le coréen et le dialecte zurichois du côté maternel et le français du côté paternel. Mon roman parle exactement de cela, du rapport aux langues, à leurs identités propres. Je suis fière de ce Prix suisse de littérature, car au-delà de la reconnaissance littéraire, il me permet de repenser la question de la langue comme outil politique autant que poétique : ce n’est pas parce que je suis Française que j’écris en français ; ce n’est pas parce que j’écris dans la langue française que je suis Française.

Ton premier roman, Hiver à Sokcho, a eu un magnifique succès critique et public. La sortie de ton deuxième livre a-t-elle été une source d’inquiétude ?

Il m’a fallu presque deux ans avant de pouvoir me remettre à écrire. Des résidences au bout du monde m’ont beaucoup aidée à trouver le recul et le calme nécessaires. Ma plus grande peur, je crois que c’était ça : ne pas réussir à oublier les médias, l’image publique, ne plus pouvoir me concentrer. Les critiques m’inquiétaient aussi bien sûr, mais dans une moindre mesure. Quand on décide de pu-
blier, il faut être prêt à encaisser les retours, même s’ils peuvent être très déstabilisants.

Les lecteurs et les critiques relèvent la justesse et la délicatesse de ton écriture. Quand sais-tu que la forme est aboutie ?

Je le ressens à un moment donné, c’est une intuition, quelque chose de physique que j’ai du mal à expliquer … En musique, lorsque résonne la dernière note avant l’octave, on ressent un inconfort qui ne peut se résoudre qu’à travers l’octave, comme un soupir de soulagement. Je ressens la même chose dans un dialogue, un paragraphe, cet équilibre entre confort et inconfort. Je ne peux pas l’expliquer, mais j’en suis consciente, donc en jouer.

Il y a les romans, mais il y a encore le théâtre. Que t’apporte-t-il ?

Enfant, je voulais être danseuse, comédienne ou mime … L’expression corporelle a toujours été très importante pour moi, voire plus que la littérature. Aujourd’hui, grâce au théâtre, je retrouve un rapport direct avec le public. J’en ai besoin. Je ne pourrais pas seulement écrire des romans, dans la longue solitude que ce travail nécessite. J’adore les lectures publiques et je regrette que le public francophone soit aussi réticent comparé au public germanophone !

Entretien : Michel Layaz, enseignant à l’Institut littéraire suisse

Biographie

D’origines franco-coréennes, Elisa Shua Dusapin grandit entre Paris, Séoul et Porrentruy. Diplômée de l’Institut littéraire suisse de Bienne en 2014, elle travaille comme comédienne et dramaturge avec divers metteurs en scène dont Maya Bösch et Frank Sémelet. En 2017, elle est boursière culturelle de la Fondation Leenaards ainsi que boursière du Canton du Jura pour une résidence de six mois à New York. Son premier roman, Hiver à Sokcho (Zoé, 2016) obtient de nombreux prix, dont le Prix Robert Walser, le Prix Révélation de la Société des Gens de Lettres, le Prix Régine Deforges et le Prix Alpha. Les Billes du Pachinko (Zoé, 2018) est lauréat d’un Prix suisse de littérature. Ces deux ouvrages sont traduits en plusieurs langues. Dès 2018, Hiver à Sokcho est adapté au théâtre. Actuellement, Elisa Shua Dusapin se consacre à l’écriture et aux arts de la scène. Elle vit entre le Jura, Genève, Séoul et Tokyo.

Anna Gössi als Ciboletta Bild vergrössern
Anna Gössi als Ciboletta in Eine Nacht in Venedig (Foto: Marlies Kross)

An der Scala oder der Met zu singen, war nie Anna Gössis Ziel, die östlichste Stadt Deutschlands allerdings ebenso wenig. Doch die Absolventin des Schweizer Opernstudios fühlte sich in Görlitz vom ersten Besuch an wohl. Aus jenem Vorsingen im Jahr 2016 ergab sich ihr heutiges Engagement als festes Ensemblemitglied am dortigen Gerhart-Hauptmann-Theater. Im Zweiten Weltkrieg von den alliierten Bomben verschont, verfügt die Stadt an der polnisch-deutschen Grenze über eine wunderschöne Altstadt, die auch bereits mehreren Hollywoodfilmen als Kulisse gedient – und in der Gössi eine gemütliche Wohnung gefunden hat. Die Bielerin mag das Kleinstadtflair ihrer neuen, zweiten Heimat: «Ich finde es schön, dass man sich kennt auf der Strasse, die Anonymität einer Grossstadt wäre nichts für mich.» Beruflich bedeutet dies für Gössi, dass sie am Theater von Musical bis Oper alles singt – eine Vielseitigkeit, die ihr sehr entspreche.

Eine Festanstellung ist im Opernbusiness alles andere als selbstverständlich. Der Markt ist klein, die Konkurrenz riesig. Dass ihre Kölner Agentin die Zusage aus Görlitz mal als «Sechser im Lotto» bezeichnete, ist indes auch nur die halbe Wahrheit, denn hinter dem Erfolg stecken unzählige Übestunden, Bewerbungen und Vorsingen. Harte Arbeit, die Gössi allerdings mehr als gerne auf sich genommen hat, um ihren Traum eines Lebens als Opernsängerin zu verwirklichen. Und die Früchte kann sie nun ernten.

Auch als festes Ensemblemitglied wird Gössi indes noch einiges an Opferbereitschaft abverlangt, wie ein Blick in ihren Berufsalltag zeigt: Während der Probephasen erfährt sie jeweils erst am frühen Nachmittag, ob ihr Name am nächsten Tag auf dem Einsatzplan steht. Pro Woche hat sie Anrecht auf einen freien Tag, allerdings ohne im Voraus zu wissen, welcher das sein wird. Planen lässt sich so kaum. Dass sie sich jeweils die Zeit von 10 bis 14 und von 18 bis 22 Uhr freihalten muss, schränkt auch ihr soziales Leben ein, zumal Wochenenden und Feiertage für sie ohnehin meist Arbeitstage sind. Kommt hinzu, dass sie sich ohne ihren Ehemann, der in Zürich wohnt und arbeitet, in Ostdeutschland niedergelassen hat. Obwohl sich die beiden derzeit nicht so häufig sähen wie andere Ehepaare, geniesse sie jedoch glücklicherweise seine volle Unterstützung.

Nach ihren Zukunftsplänen gefragt, muss sie kurz überlegen: «Eigentlich lebe ich jetzt schon meinen Traum. Am glücklichsten bin ich, wenn ich singen und auf der Bühne stehen kann. Der Applaus und die strahlenden Gesichter im Publikum geben mir wahnsinnig viel! Ich möchte einfach weiterhin von meinem Beruf leben können. Klar, dabei wäre es natürlich schön, irgendwann mal wieder näher bei meinem Schweizer Umfeld zu wohnen.» Einstweilen bleibt Anna Gössi aber in Görlitz, wo sie im Juni unter anderem als Ciboletta in Strauss’ Eine Nacht in Venedig und als Lucy in Brechts Dreigroschenoper zu sehen sein wird.

Text: Raffael von Niederhäusern

Bild Evan Parker Bild vergrössern
Evan Parker im Dezember 2010 im Kult, Niederstetten (Foto: commons.wikimedia.org)

As part of the Artist in Residence programme, Tom Arthurs, Artistic Director of the Jazz Division at HKB, invites one personality at a time who has played an important role in the history of jazz and improvised music. During three visits over the course of the academic year, each lasting several days, these musicians offer students a comprehensive insight into their work. Evan Parker, saxophonist and founding father of the European improvised music scene since the mid-1960s, presented three different projects, the musicians involved and their working methods in his three blocks. In addition to theoretical sessions, Parker attached great importance to direct practical implementation and interaction between students and guests.

Evan, what do you think is the attraction of working with young jazz students?

I think of what Art Blakey said on one of the original Jazz Messengers’ live recordings at Birdland for Blue Note: “I’m sticking with the youngsters. Keeps the mind active.”

Why did you choose to come to Bern and to HKB in particular?

I was invited by Tom Arthurs, the course professor. I have known Tom for a good while and trusted his judgement.

What were your main goals in terms of content for your visits to HKB?

To emphasise the importance of self-belief and the quest for a personal sound.

To what extent did you reach them?

Only the future lives of the students will provide answers to that question. I can say that there were several students who already have the confidence to improvise in public in so-called “professional” situations.

Where do you think students can benefit most from your rich experience in improvised music?

Well ... a difficult question. They can have a look at my history principally through the chronology of recordings and the range of associations and great individuals with whom I have had the good fortune to work.

Is there a moment that you especially remember?

It would be invidious to single out any individuals, but clearly the contributions of some of those who already know the secret of “self-belief” were the outstanding moments.

Interview (schriftlich): Raffael von Niederhäusern

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Szene aus der Semesterpräsentation Miniatures im Rahmen des Playtime-Festivals im Januar 2019 (Foto: Giuditta Schera)

Für den neuen Master in Music Composition haben wir die Lehr- und Studienstruktur von Grund auf neu gestaltet, denn die junge Generation von Komponist*innen wartet mit paradoxen Ideen auf. Sie streben gleichzeitig nach Individualisierung und Teamwork, nach Kompetenzenvielfalt und Spezialisierung. Darauf haben wir reagiert und können nun bereits zum Studienbeginn im September den neuen Kompositionsmaster mit den Vertiefungen Creative Practice und Contemporary Jazz anbieten.

Dieser stützt sich auf drei Grundpfeiler: 1. stark individualisierte Lehre mit Dozierenden wie Simon Steen-Andersen, Cathy van Eck, Teresa Carrasco oder Stefan Prins; 2. breite Auswahl an Vertiefungsfächern, von elektronischer Musik über «kuratorische» Praktiken bis hin zu Musiktheater; und 3. regelmässige Intensivwochen, in denen alle Studierenden des Studiengangs zum gemeinsamen Arbeiten zusammenkommen.

Hier ist für mich die Anwesenheit von Steen-Andersen essenziell. Dank ihm können wir die Tradition des Théâtre musical, die Georges Aperghis vor über 10 Jahren in Bern ins Leben gerufen hat, mit einem zeitgemässen Aktualitätsanspruch weiterführen.

Auch die Vertiefung Contemporary Jazz haben wir unter der Leitung des Pianisten und Komponisten Stefan Schultze inhaltlich überarbeitet. Mit Dozierenden wie Django Bates oder Peter Gromer hat sich dieser Studienbereich der Komposition im modernen Jazz verschrieben.

Wir pflegen engen Kontakt zu den anderen Kunstbereichen unserer Hochschule, etwa zu Literatur, Bildender Kunst und Theater, aber auch zur HKB Forschung. Einige Dozierende sind in Lehre und Forschung aktiv, so dass an Vorzeigeprojekten wie bspw. der Mikrotonalität gleichzeitig aus der Sicht des kompositorischen Schaffens und der Forschung gearbeitet wird.

Ausgehend von Forschung und Reflexion, definieren wir in unserem Studiengang auch gemeinsam mit den Studierenden deren weitere künstlerische Praxis. Mit anderen Worten ist es unser Ziel, dass ihr individuelles Studienprofil durch die Forschung sinnvoll ergänzt wird.

Studentin Charlotte Torres im Gespräch

Porträt Charlotte Torres

Charlotte, du hast zunächst klassisches Klavier studiert, später Jazzpiano und Arrangement, Musiktherapie, klassische Klavierbegleitung und freie Improvisation. Warum bist du 2016 noch für ein Master-Studium in Komposition an die HKB gekommen?

Ich hatte einen grossen technischen Rucksack und wollte nun mehr in die künstlerische Reflexion und in die Transdisziplinarität eintauchen. In Basel, wo ich damals schon seit einigen Jahren lebte, hatte ich zudem sehr interessante Künstler wie Jannik Giger, Lukas Huber oder Leo Hofmann kennengelernt, die alle in Bern studiert hatten. Von ihnen wusste ich auch, dass ich in Bern frei, ohne ein strenges akademisches System würde studieren können. Das alles gab mir Vertrauen bei der Entscheidung für ein Studium an der HKB.

Wurden deine Erwartungen erfüllt?

Tatsächlich war das Studium dann auch genau das, wonach ich gesucht hatte. Ich war äusserst positiv angetan. Wichtig zu erwähnen ist in dem Kontext auch der lockere, individuelle Umgang mit den Studierenden und ihren Ideen. Schon so oft hatte ich zuvor Probleme gehabt, weil meine Kunst häufig gewagt und durchaus provokant ist, an der HKB konnte ich hingegen meine Ideen umsetzen.

Du schliesst dein Studium im Herbst ab: Arbeitest du bereits an deiner Master-Thesis?

Ja. Ich komponiere für zwei Ensembles mit je fünf bis sechs Instrumenten, beide mit Akkordeon und Cello. Meine Arbeit dreht sich um das vokale Instrument. Wie kann sich ein Instrument – z.B. in Ton, Tonhöhe, Klangfarbe, Geste, Rhythmus – in Richtung der menschlichen Stimme bewegen? Darüber hinaus beschäftige ich mich intensiv mit Sprache, mit Linguistik und Semiologie, die Ergebnisse davon werden in meine Kompositionen einfliessen. Gleiches gilt für die Klangforschung, die ebenfalls ein wichtiger Teil meiner Arbeit ist.

Was können Besucher*innen von deinem Master-Konzert am 13. September erwarten?

Auch wenn ich das jeweils nicht von Anfang an so plane, sind meine Stücke oft zunächst eher unbequem, vielleicht etwas dunkel und hart, stellen dem Publikum Fragen. Gegen Schluss aber gehen sie ins Helle, ins Poetische, auch ins Humorvolle. Das kristallisiert sich aber erst im Laufe des Kompositionsprozesses heraus, daher kann ich heute noch nicht genau sagen, ob das beim Konzert im September auch so sein wird.

Welche Rolle spielt in deinem beruflichen Leben die Musikvermittlung?

Ich unterrichte am Konservatorium Delémont Klavier. Dort improvisiere ich sehr viel mit den Kindern, im Unterrichtsraum stehen zwei Flügel. Es ist echt erstaunlich, was da alles passieren kann. Vor Kurzem meinte eine erst 7-jährige Schülerin arabischer Herkunft, sie wolle eine andere Tonleiter spielen. Sie hatte ein libanesisches Lied im Kopf und fand nach drei Minuten Ausprobieren selber die lokrische Tonleiter, in der das Lied geschrieben ist. Dieser Moment war so unglaublich! Jazzmusiker*innen lernen diese Tonleiter nach mehreren Jahren Studium, Leena machte das einfach so, einfach weil sie diesen Sound wollte.

Was sind deine Pläne für die Zeit nach dem Studium?

Ich werde auf jeden Fall weiter unterrichten, das mache ich sehr gerne. Ich könnte mir auch vorstellen, im musikpädagogischen Bereich zu forschen. Künstlerisch werde ich weiter als Komponistin mit Ensembles arbeiten. Gegenwärtig bin ich daran, ein eigenes Ensemble zusammenzustellen, für das ich ebenfalls komponieren, in dem ich aber auch Klavier spielen möchte. Grundsätzlich sehe ich meine berufliche Zukunft also in drei Bereichen: als Komponistin, als Pianistin bzw. Performerin und als Pädagogin.

Interview: Raffael von Niederhäusern

Drei Stencil-Werke Bild vergrössern
Drei Werke aus dem Stencil-Workshop im Bachelor Visuelle Kommunikation diesen Frühling unter der Leitung von Jan Novák (jannovak.net), Filip Kraus und Radek Sidun (briefcasetype.com). Stencil bezeichnet mithilfe von Schablonen angebrachte Graffiti oder Street-Art. džungle – David Rindlisbacher | Teleport – Naomi Mathys & Matteo Messina | Impreza United – Lynn Birrer

HKB-Zeitung

Redaktion

Christian Pauli (Leitung)
Ariana Emminghaus
Peter Kraut
Marco Matti
Nathalie Pernet
Andi Schoon
Raffael von Niederhäusern
Bettina Wohlfender

Gestaltungskonzept und Layout

Atelier HKB,
Marco Matti (Leitung)
Lara Kothe
Lydia Perrot
Renate Salzmann

Druck

DZB Druckzentrum Bern

Auflage

ca. 8000 Exemplare (variiert)