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Geburtshilfe im Berner Oberland im Wandel

12.10.2026 Weite Wege, schwindende Spitalangebote und fehlende Fachkräfte erschweren die geburtshilfliche Versorgung im Berner Oberland. Ein Forschungsprojekt der BFH untersucht die aktuelle Situation und entwickelt gemeinsam mit Fachpersonen, Politik und Betroffenen tragfähige Versorgungsmodelle für die Region.

Das Wichtigste in Kürze

  • Weite Wege, Spitalschliessungen und Fachkräftemangel erschweren die geburtshilfliche Versorgung im Berner Oberland. 

  • Besonders in den Randgebieten fehlen gut erreichbare Angebote und eine ausreichende Vernetzung der Fachpersonen. 

  • Ein BFH-Forschungsprojekt entwickelt gemeinsam mit Fachpersonen, Politik und Betroffenen bedarfsgerechte Versorgungsmodelle für die Region.

Die geburtshilfliche Versorgung im Berner Oberland ist aufgrund der geografischen Gegebenheiten anspruchsvoll. Dezentrale Bergtäler, weite Distanzen und je nach Jahreszeit verschneite Strassen erschweren eine wohnortsnahe Betreuung von Schwangeren, Gebärenden und Wöchnerinnen. Schliessungen geburtshilflicher Abteilungen und der Abbau weiterer Spitalleistungen in der Region verschärfen die Situation zusätzlich. Studien zeigen, dass Anfahrtswege zur Geburtsinstitution von mehr als einer halben Stunde mit schlechteren gesundheitlichen Ergebnissen für Mutter und Kind sowie mit mehr ungeplanten Hausgeburten verbunden sind.

Vor diesem Hintergrund haben die Spitäler FMI AG und die Spital STS AG die Abteilung Forschung und Entwicklung des Fachbereichs Geburtshilfe der BFH beauftragt, die geburtshilfliche Versorgung im Berner Oberland zu evaluieren und Vorschläge für eine nachhaltige, bedarfsgerechte Verbesserung auszuarbeiten. Finanziert wird das Projekt von den beiden Spitalverbünden und der Gesundheits-, Sozial- und Integrationsdirektion des Kantons Bern.

Hebamme untersucht Schwangere.

Grundlagen für neue Versorgungsmodelle

Das Projekt kombiniert quantitative sowie qualitative Methoden und umfasst fünf teilweise aufeinander aufbauende Teilprojekte. Die Forschenden führten ein Scoping Review der nationalen und internationalen Fachliteratur durch. Zudem befragten sie Spitäler, Geburtshäuser, Hebammen und Arztpraxen der Region und führten Interviews mit Personen aus der Gesundheitsversorgung, der Politik sowie mit direkt Betroffenen.

Die Ergebnisse zeigen, wie die Versorgung aktuell organisiert ist, wie gut die Angebote erreichbar sind und vor welchen Herausforderungen Familien und Fachpersonen stehen. Sie fliessen in einen Workshop mit Expert*innen und weiteren Stakeholdern ein, in dem bedarfsgerechte Versorgungsmodelle auf Grundlage der bestehenden Strukturen diskutiert und weiterentwickelt werden. Anschliessend werden die möglichen Angebote mittels einer Kosten-Vergleichs-Analyse gesundheitsökonomisch beurteilt.

Weite Wege und ungleich verteilte Angebote

Die Ergebnisse der Literatursuche sind nur teilweise auf die Schweiz übertragbar. Sie zeigen jedoch, dass lange Anfahrtswege in der peripartalen Versorgung auch in Skandinavien, Frankreich, den USA, Kanada, Australien eine Herausforderung darstellen. Gründe dafür sind die geringe Bevölkerungsdichte ländlicher Regionen und die Zentralisierung der Gesundheitsversorgung. Als mögliche Massnahmen nennt die Literatur eine engere Vernetzung der Leistungserbringenden, gezielte geburtshilfliche Weiterbildungen sowie den Einsatz von Telehealth. Voraussetzung für die Weiterentwicklung der Versorgung sind ausreichende finanzielle Ressourcen. Um Schlussfolgerungen für das Berner Oberland zu ziehen, berücksichtigt das Forschungsteam neben der Organisation der Versorgung auch die geografischen Rahmenbedingungen der untersuchten Länder.

Die bisherigen Interviews bestätigen den Handlungsbedarf. Als zentrale Problemfelder nennen die Befragten den Zugang zu Angeboten, personelle Engpässe sowie die Koordination zwischen den beteiligten Professionen und Institutionen. Die Angebote konzentrieren sich vor allem auf die Zentrumsregionen, während Randgebiete deutlich schlechter versorgt sind. Eine befragte Politikerin bringt die Herausforderung auf den Punkt: Die Qualität der Betreuung sei nicht grundsätzlich schlecht – das entscheidende Handicap seien die Distanzen. Hebammen berichten zudem von ungeplanten ausserklinischen Geburten seit der Schliessung von Geburtenabteilungen. Eine Interviewte ausserhalb des Gesundheitswesens beurteilt die Situation weniger kritisch und weist darauf hin, dass das Thema wegen der Schliessung von geburtshilflichen Abteilungen emotional stark aufgeladen sei.

Wenn mit der Geburtsabteilung weitere Leistungen verschwinden

Die Interviews zeigen auch, dass die Schliessung einer Geburtsabteilung weitere Folgen für die regionale Gesundheitsversorgung haben kann. Teilweise gehen damit Anästhesiedienste sowie pädiatrischen und gynäkologische Angebote verloren. Notfälle können dadurch nicht mehr vor Ort behandelt werden und müssen in ein Zentrumsspital verlegt werden. Eine Hebamme beschreibt die Konsequenzen am Beispiel einer Frau mit vaginalen Blutungen: Diese könne nicht mehr ins nahe gelegene Spital, weil die ärztliche Fachperson eine Anfahrtszeit von zwei Stunden habe. Gleichzeitig verschärft der Fachkräftemangel die ungleiche Verteilung der Angebote. Eine kantonale Fachperson bezeichnet die Schliessung einer Abteilung deshalb zwar als bedauerlich, angesichts der personellen Engpässe jedoch als nachvollziehbar. Eine Unterversorgung erkennt sie zum jetzigen Zeitpunkt nicht.

Integrierte Versorgung braucht Zusammenarbeit

Mehrere Interviewte berichten von einer ungenügenden Zusammenarbeit zwischen Fachpersonen und Institutionen. Dies erschwert die Bestrebungen des Kantons Bern, die integrierte Versorgung auszubauen. Dabei beurteilen die Befragten diesen Ansatz als vielversprechend: Eine bessere interprofessionelle Zusammenarbeit könnte Synergien schaffen und dazu beitragen, Angebote effizienter bereitzustellen. Welche Versorgungsmodelle sich für das Berner Oberland eignen, lässt sich erst auf Grundlage aller Projektergebnisse beurteilen. Bereits heute zeigt sich jedoch: Eine zukunftsfähige Geburtshilfe muss die geografischen Gegebenheiten, die verfügbaren Fachkräfte und die bestehenden Strukturen gemeinsam berücksichtigen.

Autorinnen: Susanne Grylka, Sibylle Stalder, Anina Häfliger, Fanny Mewes-Thoumi

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