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«In Zukunft möchte ich eigene Forschungsprojekte starten»

01.07.2026 Vom Elektroniker zum PhD in Health Science: BFH-Alumnus Thomas Vetsch verbindet klinische Praxis, Forschung und Datenwissenschaft. Im Interview spricht er über seinen Weg in die Physiotherapie, die Bedeutung des Master-Studiums und warum der Mensch trotz aller Zahlen im Zentrum bleiben muss.

Das Master-Studium in Physiotherapie an der BFH hat Thomas Vetschs wissenschaftliche Laufbahn lanciert.
Das Master-Studium in Physiotherapie an der BFH hat Thomas Vetschs wissenschaftliche Laufbahn lanciert (Bild: Sandro Nydegger).

Das Wichtigste in Kürze

  • Thomas Vetsch fand über den Bachelor in Physiotherapie und den MSc an der BFH den Weg in die Forschung

  • Im MSc-Studium lernte er wissenschaftliche Methoden und Programmierung kennen. Diese Kompetenzen ermöglichten ihm später den PhD in Health Science an der Universität Bern.

  • Für Thomas Vetsch bleibt trotz Forschung und Evidenz der Mensch zentral: Physiotherapie brauche neben Wissenschaft auch Pragmatismus und logische Schlussfolgerungen.

Herr Vetsch, Sie haben ursprünglich eine Lehre als Elektroniker gemacht. Heute haben Sie einen Bachelor- und einen Masterabschluss in Physiotherapie sowie einen PhD in Health Science. Wie kam es zu diesem Wechsel von der Technik in die Gesundheitswissenschaft?

Nach meiner Elektroniker-Lehre und anschliessender Tätigkeit in der Informatikbranche wollte ich mehr mit Menschen arbeiten und weniger am Computer. Der Mensch und sein Körper haben mich schon immer interessiert. Das hat sicher auch damit zu tun, dass ich selbst gerne in Bewegung bin – besonders in den Bergen. Die Physiotherapie hat da einfach gepasst.

Viele hören nach dem Bachelor auf. Warum wollten Sie weiterstudieren?

Während des Bachelor-Studiums kam ich erstmals mit wissenschaftlichen Studien in Kontakt. Das hat mich sofort fasziniert: die Strukturiertheit, das methodische Vorgehen, die Möglichkeit, Fragestellungen systematisch zu untersuchen. Diese Arbeit entspricht einfach meiner Art zu denken – und sie macht mir bis heute grossen Spass. Von da an wusste ich, dass ich in die Forschung gehen will. Darum habe ich anschliessend das Master-Studium in Bern gestartet.

Zur Person

Thomas Vetsch absolvierte nach einer Lehre als Elektroniker den BSc in Physiotherapie an der SUPSI in Landquart und anschliessend den MSc in Physiotherapie an der Berner Fachhochschule. Danach promovierte er an der Universität Bern im Bereich Health Science. Heute arbeitet er in der Forschung der Insel Gruppe an der Schnittstelle zwischen Physiotherapie, klinischer Forschung und Datenwissenschaft. Er lebt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Bern.

Thomas Vetsch arbeitet er in der Insel Gruppe.

Was hat Ihnen dieses Studium ermöglicht?

Der Master hat mir die Grundlagen angewandten wissenschaftlichen Arbeitens vermittelt. Besonders wichtig waren für mich die praxisbezogenen Statistikmodule, in denen ich unter anderem die Programmiersprache R gelernt habe. Diese Kenntnisse konnte ich sofort in meiner Arbeit einsetzen. Das war die Grundlage dafür, dass ich selbstständig Lösungen zu verschiedensten Problemen im klinischen Forschungsalltag finden konnte und mich als Bindeglied zwischen Wissenschaft und Praxis etablierte.

Gleichzeitig hat mir der Master auch eine Vogelperspektive auf das Gesundheitswesen eröffnet. Ich begann besser zu verstehen, wie komplex dieses System ist und wie verschiedene Berufsgruppen zusammenarbeiten.

Nach dem Master haben Sie als einer der ersten BFH-Masterabsolventen einen PhD in Health Science an der Universität Bern abgeschlossen. Warum dieser Schritt?

Ich wollte die wissenschaftlichen Skills aus dem Master in der Forschung anwenden und selbstständig forschen. Zudem war es mir wichtig, mich möglichst lokal vernetzen zu können. Während des PhD habe ich gelernt, Projekte zu planen, mich zu fokussieren und meine Zeit gut einzuteilen.

Ich glaube, dass gerade die Kombination meiner Kompetenzen wertvoll ist: die praktische Erfahrung aus dem Bachelor-Studium, meine klinische Erfahrung als Physiotherapeut und das wissenschaftliche Rüstzeug aus dem Master-Studium. Dadurch kann ich eine Art Bindeglied zwischen Gesundheitsberufen und Datenwissenschaft sein. Ich kenne die klinische Praxis, arbeite mit Patient*innen und weiss gleichzeitig, wie diese spezifischen Daten entstehen, wie sie gedeutet werden sollten und welche Interpretationen falsch sind.

Ich kann eine Art Bindeglied zwischen Gesundheitsberufen und Datenwissenschaft sein.

  • Thomas Vetsch BFH Alumnus

Woran forschen Sie aktuell?

Ich forsche im Bereich der sogenannten Prähabilitation. An einem Universitätsspital wie an der Insel werden viele Operationen bei Risikopatient*innen durchgeführt – häufig ältere oder körperlich geschwächte Menschen. Wir untersuchen, ob sich der Erfolg solcher Eingriffe verbessern lässt, wenn die Patient*innen bereits vor der Operation gezielt therapeutisch gestärkt werden. Kurz gesagt, wir machen eine Rehabilitation vor dem eigentlichen Eingriff.

Während meines PhD war ich noch stark in die Rekrutierung und in Tests mit Proband*innen eingebunden. Heute beschäftige ich mich vor allem mit dem Management und der Aufbereitung der Daten.

Wie verändert Forschung den Blick auf die klinische Praxis?

Als Bachelor-Student habe ich mich sehr stark an wissenschaftlicher Evidenz orientiert – obwohl im Studium durchaus vermittelt wird, dass Wissenschaft immer nur ein Teil der klinischen Entscheidungsfindung ist. Für mich persönlich fühlte es sich damals aber an, als hätte ich endlich ein «Werkzeug für die Wahrheit» entdeckt. Die kritische Auseinandersetzung mit Forschung hat mir später auch gezeigt, wo die Grenzen der Wissenschaft liegen. Physiotherapie hat immer mit Menschen zu tun – und Menschen sind komplex. Neben wissenschaftlicher Evidenz – die in der Physiotherapie in vielen Bereichen noch immer begrenzt ist – bleiben deshalb auch logische Schlussfolgerungen und Pragmatismus sehr wichtig.

Thomas Vetsch arbeitet er an der Insel Gruppe.
Thomas Vetsch arbeitet er an der Insel Gruppe in der Forschung an der Schnittstelle zwischen Physiotherapie, klinischer Forschung und Datenwissenschaft (Bild: Sandro Nydegger).

Sie haben nun den PhD abgeschlossen. Ist das das Ende Ihrer Ausbildung – oder erst der Anfang?

Ich sehe es eher als Anfang. In Zukunft möchte ich eigene Projekte entwickeln und Forschungsgelder akquirieren. Ich bin überzeugt, dass die Physiotherapie an einem Universitätsspital grosses Potenzial hat, Prozesse zu optimieren, die Effizienz zu steigern und noch mehr für Patient*innen herauszuholen.

Gleichzeitig möchte ich auch weiterhin direkt mit Patient*innen arbeiten und nicht nur am Computer sitzen. Denn für mich macht Forschung nur Sinn, wenn dadurch auf Patientenebene eine Verbesserung erreicht wird. In diesem grossen und manchmal unübersichtlichen Gesundheitssystem bleibt der Mensch das Wichtigste. Diese Bindung will ich nicht verlieren.

Und wie geht es weiter?

Die Habilitation wäre sicher ein möglicher nächster Schritt, aber damit lasse ich mir Zeit. Ich kann mir gut vorstellen, meine Erfahrungen künftig auch als Dozent weiterzugeben – wer weiss, vielleicht sogar an der BFH.

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