- Story
Mit Partizipation zu einer breit abgestützten Alterspolitik
21.08.2025 Die Stadtgemeinde Brig-Glis hat seit Kurzem eine neue Alterspolitik. Diese wurde zusammen mit dem Institut Alter in einem partizipativen Prozess ausgearbeitet. Im Interview erzählt Stadträtin Claudia Alpiger, wie wichtig dieses Vorgehen für die Ergebnisse war und welche Vorteile daraus resultieren.
Das Wichtigste in Kürze
-
Brig-Glis erarbeitete zusammen mit uns eine umfassende Alterspolitik mit Vision, Leitsätzen und Massnahmen in fünf Handlungsfeldern.
-
Die Massnahmen stammen aus den Inputs der Mitwirkungsforen. Der partizipative Ansatz war ein klarer Gewinn.
-
Als erstes sind nun die Gründung eines Altersgremiums und die bessere Bekanntmachung bestehender Angebote für ältere Menschen geplant.
Frau Alpiger, sie stellten diese Woche die neue Alterspolitik der Stadtgemeinde Brig-Glis vor. Wie kam es dazu?
Claudia Alpiger: Als ich vor zwei Jahren das Ressort «Alter, Gesundheit und Soziales» übernahm, stelle ich fest, dass seitens der Stadtgemeinde beim Thema Alter nicht viel vorhanden ist, nicht einmal eine Strategie. Da in diesem Bereich keine grösseren Alltagsgeschäfte vorlagen, wollte ich diese Lücke möglichst rasch füllen – zumal auch der Kanton Wallis dem demografischen Wandel verstärkt begegnen wollte.

Wie sieht die alterspolitische Situation in Brig-Glis denn aus?
Beim Wohnen im Alter ist die Situation besonders dringlich. Unser Alters- und Pflegeheim zum Beispiel ist aktuell ausgelastet. In den nächsten Jahren werden jedoch viele Menschen altersbedingt nicht mehr in ihren Häusern oder Wohnungen leben können, da diese nicht altersgerecht ausgebaut sind. Somit müssen wir schauen, wie diese möglichst lange in ihren eigenen vier Wänden bleiben können. Ich wollte die Gelegenheit aber nutzen, um eine breitere Strategie auszuarbeiten, die sich nicht nur dem Wohnen, sondern auch Themen wie die Lebensqualität in der Stadt oder Zugang zu Unterstützungsangeboten annimmt.
Die Herausforderung ist, dass viele Themen nicht in meinem Ressort angesiedelt sind. Und da spielen auch andere Interessen mit, die abgewogen werden müssen.
Was beinhaltet die neue Alterspolitik von Brig-Glis nun?
Sie besteht aus einer Vision, aus Leitsätzen und 37 Massnahmen in fünf verschiedenen Handlungsfeldern: Alterspolitische Steuerung in Brig-Glis, Wohnen und Betreuung, Alltag und Mobilität, Informationen und Angebote sowie sozialer Zusammenhalt und Mitwirkung.
Die Massnahmen haben verschiedene Flughöhen und sind unterschiedlich rasch zu realisieren.
Die Herausforderung ist dabei, dass vieles nicht in meinem Ressort angesiedelt ist. Der Bau von zusätzlichen Bänken im öffentlichen Raum fällt zum Beispiel in den Bereich Infrastruktur. Als nächstes geht es darum mit den jeweiligen Ressortverantwortlichen die möglichen Umsetzungen abzuklären. Und da spielen dann auch andere Interessen mit, die abgewogen werden müssen.
Gibt es auch Dinge, die Sie rasch umsetzen können?
Bereits geplant ist die Gründung eines Altersgremiums, das die Umsetzung der empfohlenen Massnahmen begleitet und hier auch Prioritäten setzen soll. Ebenfalls konnten wir bereits bestehende Angebote für ältere Menschen zusammentragen, damit wir die Bevölkerung darüber einheitlich und übersichtlich informieren können. Hier sind wir dabei, die Zusammenarbeit mit den Organisationen anzuschauen, die solche Altersangebote bereitstellen.

Die neue Alterspolitik wurde partizipativ mit der Bevölkerung ausgearbeitet. Wie nahmen Sie den Prozess wahr?
Da Brig-Glis kein Parlament hat, kennen wir noch die traditionelle Urversammlung, die auch eine Form von Partizipation darstellt. Das Vorgehen im Projekt hatte für unsere Stadtgemeinde aber eindeutig Pilotcharakter. Die Mitwirkungsforen waren sehr erfolgreich und hatten etwa gleich viele Teilnehmende wie die Urversammlung. Und an den Tischen wurde engagiert diskutiert. Mir ist es wichtig, dass die betroffene Bevölkerung ihre Bedürfnisse einbringen kann. Diese Mitsprache wurde sehr geschätzt.
Die Mitwirkungsforen waren sehr erfolgreich. An den Tischen wurde engagiert diskutiert.
Welchen Einfluss hatte die Partizipation schlussendlich auf die fertige Alterspolitik?
Die empfohlenen Massnahmen stammen mehrheitlich aus den Inputs der Bevölkerung. Die Partizipation bestätigte und ergänzte aber auch die davor erstellte Bestandesaufnahme. Entsprechend bin ich mit dem Vorgehen und dem Endprodukt sehr zufrieden.
Natürlich wurden teilweise auch Einzelinteressen eingebracht und es gab auch Kritik, dass wir hier eine Wunschliste zusammenstellen. Aber wenn jemand zum Beispiel anmerkt, dass es vor seiner Haustüre eine Bushaltestellt brauche, kann dies ein Indiz sein, dass man das Busliniennetz generell mal anschauen könnte.
Gibt es Dinge, die Sie überrascht haben?
Mit dem Austausch unter den Leuten ergab sich einen Wissenstransfer, den ich so nicht erwartet habe. So informierten sich die Teilnehmenden gegenseitig, wenn ein von einer Person gewünschtes Angebot bereits irgendwo angeboten wurde. Zudem gab es nicht nur Forderungen und Kritik, sondern auch Lob für das bereits Bestehende. Das fand ich ebenfalls schön.
Partizipativ zur altersfreundlichen Gemeinde
Um die altersfreundliche Gestaltung einer Gemeinde gezielt voranzutreiben, braucht es ein politisches Steuerungsinstrument. Diese Funktion übernimmt gewöhnlich ein Alters- oder Generationenleitbild. Es beinhaltet nicht nur Vision und Leitsätze der Alterspolitik, sondern enthält konkrete Massnahmen, welche die Lebensqualität der älteren Bevölkerung kurz- und mittelfristig verbessern sollen.
Die Stadtgemeinde Brig-Glis erarbeitete in Zusammenarbeit mit dem Institut Alter einen neuen alterspolitischen Aktionsplan. Der gesamte Prozess wurde von Beginn partizipativ gestaltet. Durch die partizipativen Elemente konnte die Bevölkerung die Planungs- und Entscheidungsprozesse verbindlich beeinflussen. Eine Begleitgruppe aus Vertreter*innen von Fachorganisationen, Netzwerken und Vereinen sowie interessierten Privatpersonen arbeitete aktiv an der Bedarfsanalyse und am Massnahmenplan mit.
Zwei Mitwirkungsforen mit moderierten Tischgesprächen ermöglichten es 140 vorwiegend pensionierten Einwohner*innen, ihre Perspektiven zu einer altersfreundlichen Stadtgemeinde einzubringen. Zusätzlich wurden 61 ältere Menschen im Rahmen von Fokusgruppeninterviews nach ihren Bedürfnissen, Anliegen und Änderungsvorschlägen befragt. Es handelte sich insbesondere um Bevölkerungsgruppen, die nicht an den öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen konnten, da sie bspw. in Altersinstitutionen leben.
Die verschiedenen Beteiligungsmöglichkeiten sorgten für eine differenzierte Einschätzung des Ist-Zustands und brachten konkrete Impulse für die künftige Planung der Gemeinde. Die partizipative und sozialraumbezogene Gestaltung des Erarbeitungsprozesses stärkt nicht nur die Qualität, Praxisnähe und Akzeptanz des alterspolitischen Aktionsplans. Mit ihr entsteht in der Bevölkerung und bei den relevanten Akteuren auch ein gemeinsames Verantwortungsgefühl für die Umsetzung der Massnahmen.
Der Prozess zur neuen Alterspolitik wurde zusammen mit dem Institut Alter durchgeführt. Wie empfanden Sie diese Zusammenarbeit?
Das Institut Alter überzeugte uns von Anfang an, da ihr Projekt einen sehr vielschichtigen Partizipationsansatz aufwies: mit Foren, Interviews mit Fokusgruppen, einer Begleitgruppe… Auch die Zusammenarbeit empfand ich als sehr angenehm, fachlich kompetent und vor allem engagiert. So machte der Projektleiter auf eigene Initiative kleine Feldbeobachtungen, die gar nicht Teil des Auftrags waren, einfach aus eigenem Interesse.
Und was meinen Sie, setzt Brig-Glis auch in Zukunft auf partizipative Projekte und Prozesse?
Da die Umsetzung der empfohlenen Massnahmen nun von einem Altersgremium begleitet wird, geht die Partizipation in meinem Ressort bereits weiter. Ich hoffe natürlich, dass der partizipative Ansatz auch in zukünftigen Projekten und anderen Ressorts weitergeführt wird. Denn die Rückmeldungen aus der Bevölkerung waren für das Projekt ein wahrer Gewinn. Und mit etwas Glück hat dieses Vorgehen auch eine gewisse Ausstrahlung auf andere Gemeinden in der Region.