- Story
Erhöhung der Mindestfranchise: Wer zahlt die Rechnung?
20.05.2026 Der Bundesrat will die Mindestfranchise von 300 auf 400 Franken erhöhen und einen Automatismus einbauen, der sie künftig automatisch steigen lässt. Damit soll die Übernutzung des Gesundheitswesens reduziert, die Eigenverantwortung gestärkt und die Kosten gesenkt werden. Doch die Forschung zeigt: Die Gesundheitskosten sinken dadurch nicht, sie verlagern sich nur.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Mindestfranchise steigt von 300 auf 400 Franken. Ein Automatismus sorgt künftig für weitere Erhöhungen – ohne gesetzliche Obergrenze.
- Chronisch Kranke gehen trotz höherer Franchise zum Arzt – und zahlen einfach mehr. Gesündere verzichten im Zweifelsfall auch auf notwendige Behandlungen.
- Die Schweiz hat bereits heute die höchsten Selbstzahlungen bei Gesundheitsausgaben im OECD-Vergleich. Die Reform verschärft die Ungleichheit – zu Lasten Kranker und einkommensschwacher Haushalte.
Aktuell beträgt die Mindestfranchise in der obligatorischen Krankenversicherung 300 Franken für Erwachsene. Versicherte können freiwillig höhere Franchisen bis maximal 2’500 Franken wählen und erhalten dafür Prämienrabatte.
Nun fordertet die Motion Friedli eine Erhöhung der Mindestfranchise von 300 auf 400 CHF. Zudem will sie einen Mechanismus einbauen, der weitere Erhöhungen auslöst, wenn der Anteil der direkt von Versicherten bezahlten Kosten unter die festgelegte Schwelle von 13.5 % fällt. Damit sollen Eigenverantwortung gestärkt und Gesundheitskosten gedämpft werden.
Das Parlament hat die Motion Friedli im März 2025 angenommen. Im März 2026 schickte der Bundesrat den Gesetzentwurf in die Vernehmlassung.
Das zentrale Argument hinter der Reform ist das sogenannte «Moral-Hazard»-Narrativ: Wenn Versicherte einen grösseren Teil der Kosten selbst tragen, gehen sie bewusster mit medizinischen Leistungen um und verzichten eher auf unnötige Arztbesuche – etwa bei leichten Beschwerden wie einer Erkältung. Dahinter steht die Annahme, dass Versicherungsschutz zu einer gewissen Übernutzung führen kann, weil die direkten Kosten für Patient*innen gering sind. Eine höhere Kostenbeteiligung soll dieses Verhalten korrigieren, das Kostenbewusstsein stärken und die Nachfrage nach Leistungen insgesamt dämpfen.
Kostenverschiebung statt Kostenbeteiligung
Die Thesen von der gestärkten Eigenverantwortung und der Übernutzung des Gesundheitswesens haben aber einen Haken: Krankheit lässt sich nicht aufschieben wie ein Kinobesuch. Zum Arzt zu gehen, kostet auch ohne Franchise Zeit und Energie – das wirkt bereits als natürliche Hemmschwelle gegen unnötige Arztbesuche. Verschiedene Studien belegen denn auch, dass höhere Kostenbeteiligungen (z.B. Franchisen, Selbstbehalte) nur zu sehr bescheidenen Rückgängen bei der Inanspruchnahme von medizinischen Leistungen führen.
Die Reform trifft hauptsächlich Menschen, die ohnehin krank sind. Knapp die Hälfte aller Erwachsenen (45 %) wählte 2024 die Mindestfranchise – meist ältere Menschen und chronisch Kranke, die wissen, dass sie die Franchise sowieso überschreiten. Sie gehen nicht zum Arzt, weil sie wollen, sondern weil sie aufgrund ihrer Gesundheit müssen. Ihr Verhalten wird sich durch die höhere Franchise kaum ändern – ihre Rechnung hingegen wird grösser.
Gemeinsame Forschung
Dieser Artikel basiert auf der Forschung von Prof. Dr. Michael Gerfin (Universität Bern), Prof. Dr. Joachim Marti (Universität Lausanne) und Prof. Dr. Tobias Müller (Berner Fachhochschule).
Wenn Menschen bei medizinischen Behandlungen aber doch sparen, tun sie es oft an der falschen Stelle. Studien zeigen, dass höhere Eigenleistungen nicht selektiv unnötige Behandlungen reduzieren: Herzpatienten lassen Blutdrucksenker weg, Krebsvorsorge wird aufgeschoben und Prävention wird ganz vernachlässigt. Der Schaden entsteht also nicht durch zu viele Arzttermine – sondern durch zu wenige, mit spürbaren Folgen für die Gesundheit und vermeidbaren Folgekosten fürs Gesundheitswesen.
Und die erhofften Einsparungen? Eine Erhöhung um 100 Franken verschiebt rechnerisch rund 410 Millionen Franken von den Kassen zu den Patientinnen und Patienten. Das klingt nach viel – entspricht aber weniger als 1 % der gesamten Pflichtleistungsausgaben. Für einkommensschwache Versicherte übernehmen Sozialhilfe oder Ergänzungsleistungen die Franchise. Die Kosten verschwinden also nicht – sie wechseln bloss von der Krankenkasse ins Sozialbudget.
Die Eigenleistungen sind bereits sehr hoch
Die Gesundheitskosten in der Schweiz steigen seit Jahren stark – und es besteht breite Einigkeit, dass etwas dagegen unternommen werden muss. Gleichzeitig gehört die Schweiz bereits heute zu den Ländern mit einer besonders hohen direkten Kostenbeteiligung der Bevölkerung. Ein grosser Teil der Gesundheitsausgaben wird also bereits aus eigener Tasche bezahlt.
Eine weitere Erhöhung der Mindestfranchise würde diese Entwicklung verstärken und das System weniger solidarisch machen. Die finanzielle Belastung verschiebt sich stärker auf jene, die krank sind oder über weniger Einkommen verfügen.
Setzt die Reform an richtigen Ort an?
Die Reform setzt bei den Versicherten an, um Kosten zu sparen. Doch ist dieser Ansatz sinnvoll? In der Praxis bestimmen meist nicht Patientinnen und Patienten über Umfang und Art der Behandlungen, sondern Ärztinnen und Ärzte. Und diese Arbeit wird nach Volumen vergütet: Mehr Konsultationen, mehr Tests, mehr Eingriffe bedeuten mehr Einkommen. Wer die Kosten wirklich senken will, müsste dort ansetzen – und nicht am Portemonnaie der Kranken.