Sebastian Dobrusskin: Wie erkennt man gefälschte Grafik?

15.08.2022 RESTAURO sprach mit Prof. Sebastian Dobrusskin über den Fachkurs zum Erkennen von gefälschter Grafik an der HKB.

Die Hochschule der Künste Bern HKB bietet einen einwöchigen Fachkurs zum «Erkennen von Fälschungen im Bereich der künstlerischen Druckgrafik» an. Geleitet wird der Kurs von Sebastian Dobrusskin, Professor für Konservierung und Restaurierung von Grafik und Fotografie und Leiter des Instituts Materialität in Kunst und Kultur. Dobrusskin hat für das Gespräch mit RESTAURO nachgesehen: Der Kurs findet bereits seit 1996 mindestens einmal jährlich statt. Mit insgesamt etwa 300 Teilnehmern war er fast immer ausgebucht.

RESTAURO: Gibt es mehr Grafikfälschungen?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Das kann ich nicht wirklich beantworten, da ich nicht im Kunsthandel tätig bin. Aber da es immer bessere Drucker und Kopierer gibt, ist eine Menge unterwegs.

RESTAURO: Es gibt doch viel mehr Aufklärung über Fälschungen. Liegt es an der besseren Technik, dass Fälschungen nicht erkannt werden?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Nein, es liegt an den Leuten, die Fälschungen kaufen. Deshalb mache ich den Kurs. Ich orientiere mich gar nicht an den bekannten Fälschungsskandalen. Mir geht es um Grafik im mittleren und unteren Preissegment, die oft nicht so genau angeschaut wird. Zweitens: stellen Sie sich vor, Sie entdecken auf einem Flohmarkt eine Dürer-Grafik unter Glas. Haben Sie eine Lupe dabei?

RESTAURO: Vielleicht, im Handy habe ich eine.

Prof. Sebastian Dobrusskin: Aber würden Sie sie auch benutzen? Denn der Dürer kostet nur 60 Franken oder 60 Euro. Und würden Sie den Verkäufer fragen, ob es ein echter Dürer ist? Nur wenn der Verkäufer ja sagt, liegt eine Täuschungsabsicht vor. Und erst dann spricht man von einer Fälschung.

RESTAURO: Aber wer kauft für 60 Euro oder 60 Franken eine Dürer-Grafik?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Sie glauben es vielleicht nicht, aber viele Schnäppchenjäger*innen belügen sich allzu gern. Ich hatte sogar mal einen Kunden, der glaubte fest daran, die amerikanische Unabhängigkeitserklärung zu besitzen. Er hat sogar eine C14-Analyse machen lassen, die das Papier auf zirka 1955 datierte und was wahrscheinlich auch stimmte. Er glaubte trotzdem, dass es das Original ist.

RESTAURO: Um welche Methoden der Fälschungserkennung wird es im Kurs gehen. Auch um das berühmte «Auge» des Kunsthistorikers? 

Prof. Sebastian Dobrusskin: Nein, das überlasse ich den Kunsthistoriker*innen. Manche haben ja wirklich so viel Erfahrung, dass sie Fälschungen erkennen. Bei uns geht es  um alles, was belegbar ist, was wir unter dem Mikroskop erkennen können. Wir klären, wie ein Holzschnitt aussieht und wie im Unterschied dazu ein Inkjet-Druck erscheint. Und da es bei Dürer noch keinen Inkjet-Drucker gab, ist dann alles klar. Vieles kann man eben doch mit dem blossen Auge erkennen.

RESTAURO: Was zum Beispiel noch?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Schwarz. Das Schwarz eines modernen Druckers ist viel kälter als das Schwarz historischer Drucke, in denen vergilbtes Leinöl ein warmtoniges Schwarz erzeugt. Das kann man sehen. Aber man muss überhaupt auf die Idee kommen, dass man eine Fälschung vor sich haben könnte.

RESTAURO: Wer nimmt eigentlich an Ihren Kursen teil?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Der Kurs ist in unsere Ausbildung eingebunden. Also nehmen alle teil, die Grafik, Schrift und Fotografie studieren, für andere Studiengänge ist es ein Wahlmodul. Es kommen Restaurator*innen, Kunsthistoriker*innen, Galerist*innen, Polizist*innen,Versicherungsmitarbeiter*innen.

RESTAURO: Sie versprechen, nach dem Kurs können die Teilnehmer eine Fälschung erkennen. 

Prof. Sebastian Dobrusskin: Ich sensibilisiere sie. Am Ende werden sie einfache Fälschungen sicher erkennen können. Experten sind sie nach dem Kurs noch nicht. Mir ist es wichtig, dass sie merken, wenn etwas nicht stimmt.

RESTAURO: Was werden Ihre Kurs-Teilnehmer lernen?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Das erste, was sie lernen sollen, ist, zu zweifeln und genau hinzusehen. Es geht im Kurs um viele simple Dinge, wie einen Grössenvergleich. Oft sind Fälschungen nämlich nicht exakt genauso gross wie die Originale. Oder beim Reproduzieren sind Haare auf das Blatt geraten oder der Fälscher hat Wörter falsch abgeschrieben. Man muss auch beachten, dass zum Beispiel Briefe gefälscht werden, um Provenienzen zu bestätigen. Das haben wir auch im Blick. Wir beginnen den Kurs mit dem Kennenlernen von Drucktechniken und sehen uns Papiere an. Wir haben hier an der Hochschule eine sehr gut eingerichtete Druckwerkstatt, in der wir alle Drucktechniken vorstellen können. Ausserdem habe ich viele Werkzeuge, mit denen Drucke hergestellt werden. Diese Werkzeuge hinterlassen Spuren, die die Kursteilnehmer*innen lesen lernen. Wenn diese Spuren durch eine fotografische Reproduktion verwischt werden, kann man das gut sehen. Am dritten und vierten Tag beschäftigen wir uns mit den Techniken, mit denen gefälscht wird und damit, wie man sie erkennt. Am letzten Tag habe ich ganz viele selbst gemachte Fälschungen und auch welche vom Markt, die wir uns ansehen.

RESTAURO: Woher bekommen Sie das Anschauungsmaterial, also originale Fälschungen?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Ich gebe den Kurs nicht allein. Es ist immer auch Ernst Schöller, Kriminalhauptkommissar a.D. vom Landeskriminalamt Baden-Württemberg dabei. Der bringt «originale Fälschungen» aus der Asservatenkammer mit.

RESTAURO: Lernen die Kursteilnehmer auch, wie man einem Kunden schonend beibringt, dass er oder sie eine Fälschung hat?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Die psychologische Seite mache ich nicht. Ich würde einem Kunden sowieso nicht sagen, dass er eine Fälschung hat, sondern eher darauf hinweisen, dass er keine Originalgrafik besitzt, sondern eine schöne Reproduktion. Das sollten Kund*innen wissen.

RESTAURO: Was werden Sie Teilnehmern raten, wenn sie eine Fälschung entdeckt haben. Die Polizei rät Restauratoren, sich an die Polizei zu wenden. 

Prof. Sebastian Dobrusskin: Das ist eine schwierige Sache. Ich denke, man muss es dem Kund*innen sagen. Ist die Grafik ein Erbstück, ist es ja vielleicht nicht so wichtig, ob es ein Originaldruck oder eine Reproduktion ist. Da muss man nicht zur Polizei gehen. Ich finde es sowieso schwierig, denn wenn sie ungefragt zur Polizei gehen, sind sie den Kunden auf jeden Fall los. Das muss man sich leisten können. Ich würde Kund*innen zu überzeugen versuchen, selbst zur Polizei zu gehen.

RESTAURO: Würden Sie selbst noch auf eine Fälschung hereinfallen?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Wahrscheinlich schon. Ich bin auch nur ein Mensch. Aber ich würde mir wirklich Mühe geben, sie zu erkennen. Bisher ist es mir noch nicht passiert, dass ich eine Fälschung nicht erkannt habe – oder ich habe es nicht bemerkt.

RESTAURO: Es gibt ja das Gerücht, dass in jeder grossen Gemäldegalerie Fälschungen sind. 

Prof. Sebastian Dobrusskin: Gut ist auf jeden Fall, dass sie dann nicht mehr auf dem Markt sind, sondern im Museumsdepot liegen. Wenn es so wäre, hätte man zumindest eine schöne Beispielsammlung.

RESTAURO: Einen Fälscher hatten Sie in den Jahren aber noch nicht im Kurs?

Prof. Sebastian Dobrusskin: Ich hoffe nicht! Aber ich sehe mir die Teilnehmerlisten schon genau an.

Das Interview führte Uta Baier.

 

Save the date: Ab 26. Oktober 2022 und ab 23. Mai 2023 sind weitere, einwöchige Kurse an der HKB geplant.

Prof. Sebastian Dobrusskin ist Leiter des Forschungsschwerpunkts Materialität in Kunst und Kultur an der Berner Fachhochschule, Hochschule der Künste Bern HKB.

Portrait von Professor Sebastian Dobrusskin, der neben einem Mikroskop sitzt.
Prof. Sebastian Dobrusskin, Hochschule der Künste Bern HKB. Foto: Privat.

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