HKB-Studentin Ines Strohmaier befragt

18.11.2022 Die österreichische Autorin und Studentin am Schweizerischen Literaturinstitut strahlt Positivität aus. Woher sie die hat, warum sie in die Schweiz gekommen ist und wohin sie will? Das erfahren Sie hier.

Die dunkelblonde Frau trägt eine beerenrote Mütze auf dem Kopf. Die Haare sind schulterlang offen zu sehen. Sie trägt ein senfgelbes Shirt mit feinen Knöpfen vorne und darüber ein schwarzes Jäckchen. Sie steht vor einem grossen grünen Rohrgeländer, das bereits etwas Rost oder darunterliegende rötlichbraune Farbe zum Vorschein kommt.
Foto: Levi Rhomberg

Im letzten Jahr des Bachelors Literarisches Schreiben am Schweizerischen Literaturinstitut in Biel und seit geraumer Zeit etablierte und ausgezeichnete Künstlerin: Die 21-jährige Autorin, Spoken-Word-Poetin und Kolumnistin für die Allgäuer Zeitung Ines Strohmaier strahlt vor Lebensfreude. Aktuell ist sie nominiert für den Publikumspreis des Feldkircher Lyrikpreises. An Tagen, an denen das Schreiben nicht fliesst, erinnert sie sich daran, dass es okay ist, Pausen zu machen und erlaubt sich einen Wechsel, indem sie kocht oder musiziert. Trägt auch die HKB zu ihrem Strahlen bei? Auf alle Fälle möchte sie die HKB nach dem Bachelor nicht verlassen, sondern gerne den Master Contemporary Arts Practice anhängen. Auch, um ihrem Debutroman mit Mentoraten noch mehr Reifezeit zu schenken und die Möglichkeiten, die mit der Interdisziplinarität zusammenhängen auszuschöpfen.

Ines, deine positive Ausstrahlung steckt an! Woher kommt die?

Von meinem Vater, der seiner Leidenschaft des Skispringens nachging und uns Kindern immer positives Denken und das Verfolgen unserer Träume mit auf den Weg gegeben hat. Deshalb habe ich getan, was ich liebe und das ist aufgegangen: Ich konnte durch den deutschsprachigen Raum touren und als Spoken-Word-Poetin auftreten. Natürlich gab es vorhandene Strukturen und Menschen, die mich unterstützt haben. Ich bin dankbar für die nicht selbstverständlichen Möglichkeiten, die sich mir geboten haben. Meine letzten Schuljahre waren allerdings auch geprägt von ungesund vielen Auftritten. Ich musste lernen, Veranstaltungen abzusagen, insbesondere dann, wenn Aufwand und Entschädigung nicht übereinstimmen. 
Ich möchte etwas Positives in die Welt tragen und deshalb schreibe ich nie nur für mich. Menschen inspirieren und berühren zu können, erfüllt mich mit grosser Freude. Ich bin wissensdurstig und geniesse die Zeit am Literaturinstitut sehr.

Wie kam es zu deinem Wegzug aus Österreich, um in der Schweiz Literarisches Schreiben zu studieren?

Ja, das war tatsächlich eine grosse Entscheidung: Von der Kunst zu leben und in die Schweiz zu ziehen. Das Schweizer Literaturinstitut war mir auf Anhieb sympathisch und ist mir sanfter und offener vorgekommen, als andere Hochschulen. Ich wollte meinen Horizont erweitern und mich mit tollen Menschen vernetzen.
Zu meiner Bewerbung gibt es eine Anekdote: Ein guter Freund hat mich wenige Tage vor Bewerbungsschluss auf den Studiengang aufmerksam gemacht. Sofort ist mir klar gewesen, dass der Bachelor in Literarischem Schreiben mein Traumstudium ist. Also habe ich meine Text-Schublade ausgeleert, die besten Texte zusammengesammelt und das Dossier sorgsam erstellt. Plötzlich hieß es dann, dass die Post am Montag nicht öffnet aufgrund des Corona-Lockdowns. Innerhalb von drei Stunden habe ich unter Zeitdruck das ehrlichste und dringlichste Motivationsschreiben meines Lebens verfasst. Fünf Minuten vor der Schalterschliessung habe ich dann am Freitag den Brief aufgegeben. Die Postangestellte hat gelacht, als sie mich verschwitzt in die Filiale hat stürmen sehen. Sie meinte, so viel Körpereinsatz für einen Brief habe sie noch nie gesehen. Für das Bewerbungsdossier für den Master werde ich mir aber mehr Zeit lassen. (lacht)

Was gefällt dir besonders an deinem Studium und welche Zukunft erträumst du dir?

Ich liebe es, mich literarisch auszuprobieren und mein Wissen am Literaturinstitut zu vertiefen. Sich weiterzuentwickeln bedeutet auch Dinge zu (ver)lernen, Regeln zu beherrschen, um sie dann zu brechen und sich auf einer Spielwiese zu bewegen. 
Ich war ursprünglich stark gefangen im Slam-Poetry-Format und habe nur Lyrik geschrieben. Mittlerweile schreibe ich fürs Studium hauptsächlich Prosa und Theatertexte. Das ist ein guter Ausgleich zu meinem Berufsalltag, weil ich dort oft als Lyrikerin gebucht werde. 
Es ist eine grosse Bereicherung sich zwischen verschiedenen Gattungen zu bewegen, weil aus jeder Inspiration für die jeweils andere gewonnen werden kann. Ich liebe es, wenn sich so neue Räume öffnen und sich Zusammenarbeiten mit verschiedensten Menschen ergeben. Die Mentorate tun mir sehr gut und mir gefällt das wertschätzende und bereichernde Umfeld an der HKB. Gerne möchte ich im Master Contemporary Arts Practice vertiefen, was ich im Bachelor gelernt habe und gleichzeitig noch interdisziplinärer denken und arbeiten – im Zuge einer Residency im Kulturdorf in Terra Vecchia konnte ich diesen Herbst lernen, mich auch als Musikerin zu denken. Ich habe früher viel musiziert und stelle nun fest, wie die Musk immer stärker zurückfliesst.
Ich wünsche mir, meiner Berufung weiter leidenschaftlich und glücklich jeden Tag nachgehen zu können, Positives zu kreieren und schöne Momente mit Menschen zu teilen – auch dann, wenn ich hoffentlich eines Tages eine eigene Familie habe. 

Das Gespräch führte Ursina Orecchio

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